Regionale Energieversorgung

Von Bürgern für Bürger: Seit mehr als 100 Jahren vor Ort im Einsatz

Energiebereitstellung, Netzbetrieb und Energievertrieb sind in Deutschland zwar vor allem das Geschäft großer Konzerne. Es gibt aber auch viele regionale Netzbetreiber wie Stadtwerke und Energiegenossenschaften. Einige der genossenschaftlichen Akteure sind über 100 Jahre alt. Sie zeigen, dass eine Energieversorgung von Bürgern für Bürger auch dauerhaft und in größerem Umfang möglich ist. Das ist auch vor dem Hintergrund der aktuellen Rekommunalisierung von Stromnetzen interessant.

Energiegenossenschaften haben eine lange Tradition (Foto: AEE)

„Die Verfügbarkeit von Energie ist für uns selbstverständlich. Über Strom denkt man nicht nach, wenn ein Toaster, Staubsauger oder Fernseher eingeschaltet wird“, sagt Hubert Rinklin, Vorstandsvorsitzender der Alb-Elektrizitätswerke Geislingen-Steige eG. Elektrische Haushaltsgeräte, Verkehrsmittel oder beheizte Wohnungen verdanken wir einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung. Das war nicht immer so. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war an eine flächendeckende Versorgung ländlicher Regionen mit Elektrizität nicht zu denken. Die Landbevölkerung musste selbst handeln und für ihre Stromversorgung sorgen. Stadtwerke und Genossenschaften wurden gegründet, so auch im württembergischen Geislingen an der Steige. Seit 1910 versorgt das AlbWerk die Region mit Strom. „Anfangs ging es darum, überhaupt ein Energienetz aufzubauen. Holzmasten mit Leitungen wurden errichtet, damit die ersten Glühbirnen in den Häusern betrieben werden konnten“, erläutert der Genossenschaftsvorstand.

Energie in Eigenregie
Produziert wurde der Strom zunächst mit Wasserkraft. Die Keimzelle der Genossenschaft waren Getreidemühlen, die nicht benötige Elektrizität ins Stromnetz einspeisten. Später wurde der Wasserantrieb durch Kohlekraftwerke ergänzt. Heute spielen erneuerbare Energiequellen wie Wind, Biomasse und Sonne beim AlbWerk eine wesentliche Rolle. Das eigentliche Kerngeschäft der Genossenschaft hat sich seit den Anfangstagen kaum geändert. „90 Prozent unserer Tätigkeit macht nach wie vor die Energieversorgung aus“, resümiert Rinklin. Neben Energiebereitstellung, Netzbetrieb und Energievertrieb ist die Genossenschaft auch als Dienstleister in der Elektro- und Kommunikationstechnik sowie im Elektrohandel tätig.

Die Frage, wer das örtliche Energienetz betreiben soll, wird derzeit vielerorts diskutiert. Laut Verband kommunaler Unternehmen (VKU) laufen bis 2015/16 bundesweit die meisten der Strom- und Gasnetzkonzessionsverträge aus. Gewöhnlich wird solch eine Konzession für 20 Jahre erteilt. Etliche Kommunen prüfen nun die Möglichkeit, den Betrieb des Versorgungsnetzes vor Ort selbst in die Hand zu nehmen. Meist suchen sie dabei die Hilfe eines etablierten Energieversorgungsunternehmens.

In Geislingen und Umgebung werden schon seit über 100 Jahren die Stromerzeugung und der Vertrieb von den Bürgern in Eigenregie sichergestellt. Die etwa 1.300 Mitglieder der Energiegenossenschaft sind vor allem Familien aus der Gegend. Das AlbWerk ist hier fest verwurzelt: „Unsere Anteile werden nicht verkauft, sondern vererbt“, so Rinklin. „Wir beliefern 93 Prozent der Haushalte. Das erwirtschaftete Geld geben wir in der Region wieder aus. Der Gewinn geht nicht an eine Konzernzentrale, sondern kommt den Mitgliedern hier bei uns zugute“, erklärt der Genossenschaftsvorstand. „Als verantwortungsvoller Partner werden wir von den Kommunen deshalb mit der Energieversorgung betraut.“

Kommunale Wertschöpfung
Kommunen können durch eigene Energieunternehmen viele Vorteile nutzen: Die Gewinne aus dem Netzbetrieb fließen nicht mehr an Dritte, sondern in die eigene Kasse. Hinzu kommen die Gewerbesteuereinnahmen. Kommunale Energieversorgungsunternehmen sind wichtige Arbeitgeber vor Ort und vergeben Aufträge überwiegend an heimische Unternehmen. Darüber hinaus können Kommunen energiepolitische und ökologische Ziele selbst bestimmen und umsetzen. Oft ist die Übernahme des Netzbetriebs nur der Ausgangspunkt, um weitere Aufgaben, wie etwa den Energieverkauf oder den Einstieg in Erneuerbare Energien, anzugehen. Kommunale Wertschöpfung von der Erzeugung bis hin zum Vertrieb ist das große Ziel.

Die Rekommunalisierung eines Stromnetzes erfordert allerdings große finanzielle Investitionen und vor allem spezialisiertes Know-how. Doch an der erforderlichen Kompetenz und finanziellen Ausstattung mangelt es den meisten Initiatoren. „Die Rekommunalisierung kann eine Gemeinde kaum aus dem Stand stemmen. Die Gründung eines Energieversorgers auf der grünen Wiese ist selten. Am ehesten gelingt das, wenn sich die Wasser- und Wärmeversorgung bereits in kommunaler Hand befinden. Dann ist zumindest die Kompetenz in kaufmännischen Fragen vorhanden“, so Rinklin.

(Foto: AEE)

Rekommunalisierung ist zudem ein langwieriger Prozess und juristisch, technisch und kaufmännisch sehr anspruchsvoll. Drei Jahre sollte man hierfür einplanen. Am Anfang müssen die Handlungsoptionen geprüft werden. Soll die Zusammenarbeit mit dem bisherigen Netzeigentümer verlängert oder eine andere Lösung gefunden werden? Eine Möglichkeit kann beispielsweise der Kauf des Netzes durch die Kommune sein, um es anschließend an einen Dritten zu verpachten. Eine andere Lösung: mit dem bisherigen oder einem neuen Betreiber eine gemeinsame Netzgesellschaft gründen. Oder aber man errichtet ein neues Gemeinde-, Stadt- oder Regionalwerk.

Erfahrene Partner geben Sicherheit
Nach dieser grundsätzlichen Weichenstellung werden beim bisherigen Eigentümer Daten über das Netz eingeholt, um es auf dieser Basis zu bewerten. Dann geht es daran, ein Konzept für die Netzentflechtung zu erstellen. Auch der richtige Partner muss gefunden werden. Die Entscheidung über das Vorhaben fällt letztlich im Gemeinderat. Bei Zustimmung müssen das Unternehmen und insbesondere die kaufmännische und technische Infrastruktur aufgebaut werden. Die Preisverhandlungen mit dem bisherigen Netzbetreiber sind der schwierigste Teil dieses Prozesses. Schließlich ist damit auch ein großes kaufmännisches Risiko verbunden, denn die Amortisation des Kaufpreises wird durch kontinuierlich sinkende Erlöse – aufgrund der sogenannten Anreizregulierung – verlängert.

Hinzu kommt der Rückgang der Bevölkerung in vielen Regionen. Auch die Entflechtung des Netzes geht mit erheblichen, zumeist schlecht kalkulierbaren Kosten einher. Erfahrene Partner sind erforderlich, wenn eine Rekommunalisierung ansteht: „Wir sind als Know-how-Träger in Süddeutschland gefragt und können unser Wissen und Personal in einzelne Projekte einbringen. Das bietet uns die Möglichkeit zu wachsen“, sagt Rinklin. Wachstum und Verbreitung regionaler Energiekonzepte sind aber nicht nur Geschäft, sondern auch Mission: „Die regionale Philosophie ist für uns genauso wichtig wie eine schwarze Zahl in der Gewinn- und Verlustrechnung.“

So hat das AlbWerk beispielsweise 1998 die Stadtwerke in Waldkirch und 2008 das Regionalwerk Bodensee ins Leben gerufen, an dem sich sieben Städte und Gemeinden beteiligt haben. Geht es nach dem Chef des AlbWerks, werden regionale Strukturen die Zukunft des Energiemarkts prägen: lokale Energieproduktion auf Basis Erneuerbarer Energien, regionale Energienetze und Vertriebsstrukturen. Es wird zukünftig mehr Spezialisten für regionale Energie geben. Ihre Aufgabe besteht darin, eine verantwortungsvolle Energieversorgung für die Bürger zu ermöglichen. Energieversorgung bedeutet demnach letztlich, die Menschen vor Ort zu erreichen. Die genossenschaftliche Rechtsform hat sich hierfür seit vielen Jahren bewährt.

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EWS Schönau eG

In Schönau im Schwarzwald schlossen sich im Jahr 1986 als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl besorgte Bürger zu einer Initiative zusammen: für eine klimafreundliche und sichere Energieversorgung ohne Atomkraft. Gegen viele Widerstände gründeten diese ‚Stromrebellen’ in den Folgejahren die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und übernahmen 1997 das Schönauer Stromnetz. Heute bieten die EWS Schönau bundesweit klimafreundlichen und atomfreien Strom an und beliefern mehr als 90.000 Kunden. Im Jahr 2009 wurde die Genossenschaft Netzkauf EWS Schönau eG gegründet, um die Elektrizitätswerke für die Zukunft auf eine breitere Basis zu stellen und zusätzliches Kapital für Wachstum, Personalaufstockung und neue Aktivitäten aufzubringen.

Seitdem hat die Energiegenossenschaft auch den Betrieb der Gasnetze in Schönau und einem Nachbarort, sowie weiterer Stromnetze in angrenzenden Gemeinden übernommen. Geplant sind außerdem der Einstieg ins Gasgeschäft und der Aufbau eines unabhängigen regenerativen Stromerzeugungspotenzials. Durch die Umwandlung in eine Genossenschaft wurde die Voraussetzung geschaffen, dass sich Bürger direkt am Strom- und Gasnetz und an der regenerativen Stromerzeugung beteiligen können. Mit einer Mindesteinlage von fünf Anteilen à 100 Euro kann jeder Bürger Mitglied der EWS werden.

Kommunalatlas

Alle Vorreiter einer vollständigen Versorgung aus Erneuerbaren Energien in Deutschland auf
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