Sonne für alle

Gemeinsam können Bürger größere Energieprojekte verwirklichen

„Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Dieser genossenschaftliche Leitsatz aus dem 19. Jahrhundert ist für die Verantwortlichen der Friedrich Wilhelm Raiffeisen Energie eG (FWR) Programm. Wie kann man dem Klimawandel begegnen? Was kann man in der Region tun, um den eigenen Energiebedarf zukünftig selbständig zu decken? Und wie können umweltfreundliche und nachhaltige Lösungen zur regionalen Entwicklung beitragen?

Das Stadiondach des TSV Großbardorf wird über eine darauf installierte PV-Anlage der FWR finanziert (Foto: FWR Energie eG)

„Das sind Aufgaben, die man vor Ort nur gemeinsam angehen kann“, dachten sich Michael Diestel, Geschäftsführer beim Bayerischen Bauernverband im Kreisverband Rhön-Grabfeld, und Kreisobmann Matthias Klöffel. „Und zwar am besten mit einer Genossenschaft.“ Ihre Devise: Nicht nur über den Klimawandel debattieren, sondern praktisch handeln. Die Genossenschaftsgründer haben sich dabei ganz bewusst am Selbsthilfeansatz des Genossenschaftspioniers Raiffeisen orientiert. Im Juni 2008 wurde die Genossenschaft in Bad Neustadt an der Saale gegründet. Hier, im fränkischen Teil der Rhön, schieben Bürger gemeinsam getragene Anlagen zur Produktion regenerativer Energien an. Privatpersonen, die sich für Erneuerbare Energien einsetzen und ihre Nutzung mit überschaubaren finanziellen Beiträgen unterstützen möchten, kommen über die Genossenschaft mit Gleichgesinnten zusammen. Dadurch lassen sich nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch rechtliches und wirtschaftliches Know-how bündeln. Nicht alle können schließlich die erforderlichen Kenntnisse und Erfahrungen mitbringen, die für die Errichtung und den Betrieb solcher Anlagen erforderlich sind.

Neue Standorte erschließen
Eine Energiegenossenschaft bündelt nicht nur Bürgerinteressen, sondern motiviert zum Beispiel die Eigentümer von geeigneten Dachflächen, hier eine Photovoltaikanlage installieren zu lassen. So mancher Landwirt liebäugelt zwar mit einer solchen Anlage auf dem eigenen Scheunendach. Aufwand und Risiko sind für ihn allein jedoch oft zu groß, wenn er dafür zusätzlich zu seiner landwirtschaftlichen Tätigkeit erhebliche Investitionen aufbringen muss. Das würde nicht nur den finanziellen Spielraum für sein Kerngeschäft erheblich reduzieren. Auch die Nebenkosten für Verwaltung und Versicherung sowie die mit dem Investitionsprojekt verbundenen Risiken sollte man nicht unterschätzen. In einer genossenschaftlichen Kooperation lassen sich diese Aufgaben einfacher und besser lösen. Genossenschaften haben einen großen Vorteil: Sie können neue Standorte erschließen, an die Einzelne allein nicht herankommen würden. „Es gibt in den ländlichen Regionen jede Menge ungenutzte Dächer. Viele Kirchen, Supermärkte, landwirtschaftliche oder kommunale Gebäude könnten mit Solaranlagen ausgestattet werden“, skizziert Diestel das enorme Potenzial geeigneter Standorte. Die Dachbesitzer können diese Flächen zur Verfügung stellen oder an die FWR vermieten, auch wenn sie selbst sich nicht finanziell beteiligen möchten. 

Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) gilt als Begründer des Genossenschaftswesens

Projekte umsetzen
Die erste Photovoltaikanlage der FWR wurde im November 2008 auf den Dächern des Stadtbauhofs von Bad Neustadt installiert. Sie hat eine Leistung von 270 Kilowatt-Peak und wird voraussichtlich jährlich 235.000 Kilowattstunden Strom erzeugen. Eine Anlage dieser Größenordnung deckt damit etwa den durchschnittlichen jährlichen Strombedarf von 60 Privathaushalten. Bei einer Laufzeit von 20 Jahren werden etwa 4.150 Tonnen Kohlendioxid (CO2) eingespart. Wer sich mit 4.000 Euro an der Anlage beteiligt, trägt selbst zur Produktion von Ökostrom bei, der in etwa dem jährlichen Strombedarf des eigenen Haushalts entspricht. Das Investitionsvolumen beträgt insgesamt knapp 1,1 Millionen Euro. Es wird zu zwei Dritteln über Fremdkapital und zu einem Drittel über Eigenkapital finanziert.

Mit mindestens einem Anteil in Höhe von 2.000 Euro kann sich jeder Bürger von Bad Neustadt am Energieprojekt beteiligen. Pro Anteil gehen 100 Euro als Geschäftsanteil in die Genossenschaft, die restlichen 1.900 Euro werden als Nachrangdarlehen mit einer Laufzeit von 20 Jahren in die Projektfinanzierung gesteckt. Bei dem vorsichtig kalkulierten Stromertrag beträgt die Effektivverzinsung der Beteiligung 5,5 Prozent pro Jahr. Wird diese Kalkulation in sonnenreichen Jahren übertroffen, erhält jedes Mitglied einen Bonus von bis zu vier Prozent. Jeder der 38 Teilhaber an der Bad Neustädter Solaranlage besitzt ein Energie-Sparbuch, das einem herkömmlichen Sparbuch nachempfunden ist. Die Mitglieder erhalten jährlich einen Kontoauszug, den sie in das Energie-Sparbuch einkleben können. Darauf werden für jedes Jahr Zinsen und CO2-Einsparung festgehalten sowie Plan- und Ist-Größen gegenübergestellt. Eine pfiffige Idee, die zugleich die Geldanlage und den eigenen Beitrag zum Umweltschutz sichtbar macht.

Ressourcen vor Ort nutzen
Die Produktion Erneuerbarer Energien soll zugleich die Region unterstützen. „Unser Credo lautet: Ressourcen vor Ort nutzen und den Gewinn daraus wieder den Bürgern und Kommunen vor Ort zugute kommen lassen“, erklärt Diestel. „Damit folgen wir dem alten Leitspruch der Darlehenskassenvereine: ‚Das Geld des Dorfes dem Dorfe’.“ Dementsprechend werden die technischen Anlagen von Handwerksunternehmen aus der Region montiert und gewartet. Die Finanzierung erfolgt über ein regionales Bankinstitut. Auch die finanzielle Beteiligung an der Solaranlage wurde zuerst den Bad Neustädtern, dann erst den Bewohnern des Landkreises und schließlich auswärtigen Interessenten angeboten. ‚Zwiebelschalenprinzip’ nennen dies die Initiatoren. Dabei wird stets darauf geachtet, so viele Menschen wie möglich und zugleich so wenige wie nötig zu beteiligen.

Historische Werbetafel der Darlehenskassenvereine

Die Gemeinde profitiert ebenfalls: von zusätzlichen Gewerbesteuereinnahmen. Ein großer Vorteil des genossenschaftlichen Modells ist die begrenzte Haftung auf die Höhe der Beteiligung. „Es schläft sich einfach ruhiger, wenn bei solchen kapitalintensiven Projekten regelmäßig ein Sachverständiger über die Bücher schaut“, weiß Diestel. Der Sachverständige ist in diesem Fall der regionale Genossenschaftsverband, der die kaufmännischen Belange aller Mitglieder im Blick behält. „Die Prüfung durch den Genossenschaftsverband ist für uns ein wichtiges Werbeinstrument. Wir verbinden damit ein Qualitätsversprechen, das besonders wichtig für das Vertrauen der Bürger ist“, so Diestel.

Um die Förderung der Region geht es auch bei einem anderen Projekt: Das dringend erforderliche Stadiondach des TSV Großbardorf wurde über eine Photovoltaikanlage finanziert. Das Tribünendach gehört zu den Auflagen, die der DFB den Vereinen in höheren Fußballligen erteilt. Das Dach wurde gebaut, von der Genossenschaft angemietet und wird nun als Kraftwerksstandort genutzt. Der Mietpreis verringert zwar die Rendite für den Einzelnen, dafür kann der TSV Großbardorf jedoch wieder im heimischen Stadion spielen. Jeder, der mitmacht, erhält zudem eine Dauerkarte für alle Heimspiele. So profitieren alle: der Fußballfan, der Verein und die Umwelt. Diestel hat bereits weitere Pläne: „Mittelfristiges Ziel ist es, die Friedrich Wilhelm Raiffeisen Energie eG so weit auszubauen, dass die Bürger der Rhön ihren selbst produzierten Ökostrom nutzen. Dazu werden wir uns zukünftig nicht nur auf die Sonnenenergie beschränken.

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