Erneuerbare Großstadt

Die Energiegenossenschaft - ein Modell für die Großstadt

Welches Unternehmensmodell eignet sich für Bürgersolaranlagen in der Großstadt? Das fragten sich engagierte Potsdamer und beantworteten diese Frage kurzerhand selbst mit der Gründung der Neuen Energie Genossenschaft eG am 4. April 2008. Doch bis zur Gründung der Genossenschaft und der Einweihung der ersten Anlage mussten die Mitglieder viele Hürden nehmen.

Auch in Städten gibt es geeignete Dachflächen, die gemeinsam nutzbar sind (Foto: AEE)

„Wir wollten Bürgerinnen und Bürgern auch in Potsdam die Chance geben, sich mit kleinen Beträgen an Anlagen für Erneuerbare Energien zu beteiligen“, sagt Sophie Haebel, Geschäftsführerin der Neuen Energie Genossenschaft eG (NEG). Ein Startkapital von 500 Euro reicht aus, um Genossenschaftsmitglied zu werden. Das erscheint für sich genommen wenig. Doch durch die Beteiligung vieler lassen sich damit auch größere Projekte umsetzen. Die acht Gründungsmitglieder setzten sich für das erste Projekt ein ambitioniertes Ziel: Sie wollten eine Investitionssumme von etwa 250.000 Euro zusammenbekommen. Die NEG schaffte eine Punktlandung und stemmte den Betrag mit Hilfe von 62 Teilhabern. Für eine weitere Anlage veranschlagte die Genossenschaft sogar 470.000 Euro als nötige Investition. Und auch dieses Ziel hat sie erreicht – eine Erfolgsgeschichte.

Aus Begeisterung wird ein Wirtschaftsunternehmen
Doch der Reihe nach: Aus Begeisterung für die Erneuerbaren Energien und dem Bewusstsein für Umwelt und Klimaschutz gründete sich am 21. März 2007 der Potsdamer Solarverein e.V. Aufgrund der Auseinandersetzung mit konkreten Problemen beim Bau von Anlagen für Erneuerbare Energien in Potsdam selbst entstand im Solarverein der Wunsch, nicht mehr nur als Sprachrohr zu agieren. Die Mitglieder wollten auch selbst anpacken und zeigen, dass Erneuerbare Energien jedem Bürger die Möglichkeiten geben, sich an einer dezentralen Energiewende zu beteiligen – auch in der Großstadt. Und für die wirtschaftliche Betätigung, wie sie bei Energieprojekten erforderlich wird, ist ein Verein nicht geeignet.

In der Stadt zählt die Suche nach geeigneten Flächen zu den größten Herausforderungen für den Bau entsprechender Anlagen. Da viele Städter in Mehrfamilienhäusern leben, müssten sie mit dem Vermieter beziehungsweise den anderen Bewohnern an einem Strang ziehen. Doch genau das gestaltet sich oft als schwierig und steht einem verstärkten Ausbau etwa von Photovoltaikanlagen entgegen. Deshalb besitzen kommunale Dächer von Schulen, Feuerwehr oder Polizei gerade für Energiegenossenschaften, die größere Investitionssummen zusammen bekommen können, ein riesiges Potenzial.

Auch die erste Photovoltaikanlage der NEG wurde auf einem Schuldach installiert. Doch zunächst musste die achtköpfige Initiatorengruppe das Gründungskapital aufbringen und ein Gründungskonzept erstellen. Insbesondere die wirtschaftliche Kalkulation und die Satzung ließen sie vom Genossenschaftsverband überprüfen – eine Voraussetzung für den Eintrag der Genossenschaft im Register. Nach einer Rekord-Prüfzeit von nur einem Tag – und entsprechend geringen Kosten – bestätigte der Genossenschaftsverband im Mai die erfolgreiche Gründungsprüfung bei der NEG. Das Gründungskapital belief sich auf 28.500 Euro. Der Eintrag in das Genossenschaftsregister erfolgte im Juli 2008.

Erfolgreicher Start
Das anfangs erwähnte erste Projekt war eine 60 Kilowatt-Peak-Anlage auf der Montessorischule in Potsdam-West. Um es zu realisieren, mussten die acht Gründungsmitglieder die Investitionssumme von knapp 250.000 Euro zusätzlich zu ihrem Gründungskapital zusammenbekommen. Neben einer Pressemitteilung und der Einrichtung einer Internetseite stellte sich die Mund-zu-Mund-Propaganda über den Bekannten- und Freundeskreis als Erfolg versprechendes Instrument heraus. Außerdem verfügte die Genossenschaft über den Solarverein bereits über ein funktionierendes Netzwerk. Das Schuldach machte sie dank eines internen Tipps ausfindig. Die schließlich 62 Teilhaber brachten mehr als die Hälfte der nötigen Investitionssumme auf. Der Rest wurde über einen Kredit finanziert. „Das Dach der Montessorischule war von der Ausrichtung und der Neigung her optimal“, erinnert sich Haebel. „Außerdem waren es immerhin 700 Quadratmeter Dachfläche.“

Viele kommunale Dächer eignen sich für Energiegenossenschaften (Foto: NEW - Neue Energien West eG)

Für das neu gegründete Unternehmen bot sich hier eine große Chance. Doch bevor die Bauarbeiten beginnen konnten, stand die Energiegenossenschaft vor einer weiteren Herausforderung: Das Dach der Schule musste renoviert werden, doch der Kommunale Immobilien Service (KIS), ein Eigenbetrieb der Stadt Potsdam, stellte sich quer. Erst als sich die NEG bereit erklärte, ein Drittel der für die Renovierung insgesamt veranschlagten 60.000 Euro selbst zu übernehmen, stimmte der KIS zu. Aufgrund der Eigenbeteiligung von 20.000 Euro muss die Energiegenossenschaft keine Dachmiete zahlen, so dass sich die Renovierungskosten wieder ausgleichen werden. Beide Seiten haben am 6. August 2008 den Dachnutzungsvertrag unterschrieben. Die Genossenschaft beauftragte Ende August 2008 ein Ingenieurbüro mit dem Bau der Anlage. Mitte September startete das Projekt mit der Dachsanierung durch die KIS. Parallel dazu wurden zunächst im Keller Wechselrichter und jede Menge Kabel installiert. Die Dachsanierung erlaubte es, schon im November in nur vier Tagen sämtliche Module der Photovoltaikanlage auf der Montessorischule zu montieren. Am 5. Dezember 2008 konnte die Anlage dann an das Potsdamer Stromnetz angeschlossen werden.

Gut für Umwelt, Bürger und Stadt
Mit einem Stromertrag von ungefähr 55.000 Kilowattstunden handelte es sich seinerzeit um die größte Photovoltaikanlage Potsdams. Sie verdeutlicht zugleich das Potenzial einer Erneuerbaren Energieversorgung in der Stadt. Darüber hinaus zeigt die Anlage, was Anwohner in ihrem direkten Umfeld für den Ausbau der Erneuerbaren Energien auf die Beine stellen können und welche Vorteile das Modell der Energiegenossenschaft gerade in der Großstadt bietet. „Dass die eigenen Anlagen so viel Strom erzeugen, wie man selbst verbraucht, ist ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt Haebel. Ein weiterer großer Vorteil des genossenschaftlichen Modells ist auch die Möglichkeit zu wachsen. Denn eine Energiegenossenschaft kann nicht nur eine Anlage betreiben, sondern mehrere.

Bei der NEG stellte sich dabei weniger die Finanzierung und das Anwerben neuer Geschäftspartner als Problem heraus, sondern vielmehr die Suche nach neuen und geeigneten Dachflächen. Doch die Genossenschaft wurde fündig und konnte auf dem Dach der Polizeieinsatzzentrale in Potsdam-Eichen ihr zweites Projekt verwirklichen. Mit einer Stromproduktion von etwa 160.000 Kilowattstunden im Jahr ist die Anlage dort dreimal so groß wie die auf dem Dach der Montessorischule. Die Investitionssumme von 470.000 Euro brachten Genossenschaftler aus ganz Deutschland auf. „Gerade durch die Präsenz im Internet sind uns da keine Grenzen gesetzt“, so Haebel. Dank des für Energiegenossenschaften typischen Finanzierungsmodells des Nachrangdarlehens konnte sogar auf einen zweiten Bankkredit verzichtet werden. „Mit einer einmaligen Investition in Höhe von 2.700 Euro kann man seinen jährlichen Stromverbrauch von etwa 1.000 Kilowattstunden komplett aus Erneuerbaren bestreiten“, erklärt Haebel. Das ist der ideelle Grund, um sich in einer Energiegenossenschaft zu engagieren. Der finanzielle steht bei einer Rendite von ungefähr vier Prozent.

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