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Neustrelitz: Eine Stadt auf dem Holzweg

Luftbild der Stadt Neustrelitz. Am rechten Bildrand ist der Standort des Holzheizkraftwerks markiert. Foto: BIG Städtebau

Gebäude und Freilager des Holzheizkraftwerks. Foto: Stadtwerke Neustrelitz

Kesselhaus des Heizkraftwerks mit Fensterfront. Foto: Stadtwerke Neustrelitz

Fernwärmeunterstützung mit Holzhackschnitzeln in Neustrelitz

 

Neustrelitz, Zentrum der Mecklenburgischen Seenplatte, verfügt über ein für Ostdeutschland typisches flächendeckendes Fernwärmenetz. Das Wärmenetz ist, zusammen mit den ausgedehnten Wäldern der Umgebung, die Grundlage für ein kleines kommunales Wirtschaftswunder: Fast 80 Arbeitsplätze sind in und um das Holzheizkraftwerk entstanden - wichtig in einer strukturschwachen Gegend, die viele junge Leute nach der Schule verlassen, wenn sie keine Stelle finden.

Stadt und Stadtwerke hielten in den 1990er Jahren bewusst an ihrem Nahwärmenetz fest. Die Wärme wurde zu diesem Zeitpunkt von einem hauptsächlich mit Erdgas befeuerten Gas-und-Dampf-Heizkraftwerk und vier kleinen Heizstationen mit Kombibrenner (Erdgas und Erdöl) geliefert. Die Stadt hielt auch an einer Bauplanung fest, die das Fernwärmekonzept berücksichtigte. Doch wegen steigender Erdgas- und Erdölpreise mussten die Stadtwerke handeln, um den Fernwärmepreis stabiler zu gestalten.

Der Techniker Bernd Haase, Betriebsleiter der Stadtwerke, hatte bereits 2002 die Idee, das Erdgas durch Holzhackschnitzel zu ersetzen, die bei der Durchforstung der Wälder anfallen, ergänzt durch Baum- und Strauchschnitt. Dazu war ein neues Heizkraftwerk nötig, dessen Technologie für den biogenen Brennstoff geeignet war. 2004 wurde der Ökonom Frank Schmetzke neuer Geschäftsführer der Stadtwerke, und ihm leuchtete Haases Idee auf Anhieb ein. Das “Team der Macher“ war geboren.

 

Stadtwerke sind nicht „Jugend forscht“

Zunächst machte sich Haase auf die Suche nach einem spezialisierten Ingenieurbüro und fand es in der Seeger Engineering AG aus der Nähe von Kassel. Dann sahen sich die beiden vorab ein ähnliches Heizkraftwerk im österreichischen Kufstein an. Schmetzke: „Stadtwerke sind nicht ‚Jugend forscht‘, wir können also nur das Bauen, was auch gleich funktioniert.“ Die Anlage in Kufstein funktionierte, und Schmetzke machte sich an die schwierige Aufgabe: die kontinuierliche, preisstabile Anlieferung von täglich bis zu 15 Lkw-Ladungen (jährlich 85.000 Tonnen) Holz-Hackschnitzel zu organisieren. Mittlerweile sind 25 Zulieferer im Einzugsbereich von 150 Kilometern Partner der Stadtwerke Neustrelitz, aber die meisten Waldbesitzer konnten sich erst nach sehr viel Überzeugungsarbeit damit anfreunden, dass jemand bei der Vermarktung ihres Restholzes mitreden wollte.

Schließlich gingen Haase und Schmetzke mit einer Machbarkeitsstudie sowie dem erfahrenen Seniorberater des Ingenieurbüros in den Aufsichtsrat der Stadtwerke, um zunächst grob die Möglichkeiten aufzuzeigen. Einstimmig beschloss der Aufsichtsrat die Umsetzung des Projekts. Jetzt mussten die Stadtwerke das Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz angehen und für die Gesamtinvestition von 17,6 Millionen Euro eine anteilige Förderung gemäß der Klimaschutz-Förderrichtlinie des Landes Mecklenburg-Vorpommern von 1997 (inzwischen verlängert bis 2013) beantragen. Bei letzterer Aufgabe gab es starke fachliche Unterstützung durch das damalige Umweltministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Am Ende flossen fast 1,5 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung und noch einmal knapp 0,5 Millionen Euro aus Landesmitteln. Örtliche und regionale Banken hatten zum Teil Vorbehalte, doch die Deutsche Kreditbank AG (DKB) konnte von dem Vorhaben überzeugt und als Finanzierungspartner gewonnen werden.

Infokasten: Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern)

 

  • 22.000 Einwohner, Tor zum Nationalpark Müritz
  • 1991 Gründung Stadtwerke Neustrelitz GmbH (100 % kommunal); bieten Strom-, Erdgas-, Wasser- und Wärmeversorgung
  • eigenes Fernwärmenetz (ca. 70 % der Einwohner angeschlossen) und eigenes Mittelspannungs-Stromnetz
  • Stadtwerke betreiben auch Biogasanlage in Nachbargemeinde

 

Transparente Planung und Umsetzung

Das Gebäude wurde bewusst mit einer großen Fensterfront geplant, damit die Bürger die technischen Anlagen auch außerhalb von Führungen ständig in Augenschein nehmen können. Die Stadtwerke sprachen von Anfang an mit allen Beteiligten und luden zu mehreren Informationsveranstaltungen ein. Inzwischen interessieren sich nicht mehr nur die Anwohner für das Projekt: Seit 2006 kommen alle zwei bis drei Wochen Gruppen aus dem In- und Ausland, um das Biomasse-Heizkraftwerk am Waldrand im Osten der Stadt zu besichtigen.

Stabile Wärmepreise und Strom dank Holz

Zudem konnte mit der Inbetriebnahme des Heizkraftwerks eine Senkung des durchschnittlichen Fernwärmepreises von knapp 7,9 auf gut 6,2 Cent pro Kilowattstunde in Aussicht gestellt – und 2007 dann tatsächlich umgesetzt – werden. Auch 2008 und 2009 ist der Wärmepreis niedriger, als er es bei der Nutzung von Erdgas gewesen wäre. Neustrelitz gehört damit im regionalen Umfeld zu den preisgünstigsten Fernwärme-Anbietern. Die an das Fernwärmenetz angeschlossenen rund 15.400 Einwohner, Betriebe und Einrichtungen sparten insgesamt im Jahr 2008 im Vergleich zur Nutzung von Erdgas 480.000 Euro ein.

Der im Holzheizkraftwerk erzeugte Strom wird ins Stromnetz eingespeist und nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet. Hier gab es zunächst Gegenwind vom überregionalen Stromnetzbetreiber, der das Netz für das neue Kraftwerk der Stadtwerke nicht ausbauen wollte. Dank des eigenen Mittelspannungsnetzes konnte Neustrelitz aber auch diese Hürde schnell meistern. Frank Schmetzke erinnert sich: „Man hat sehr wohl versucht, uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen – es geht ja auch um die Stromeinspeisung. So wurden etwa technische Probleme geltend gemacht, um das Projekt zu verhindern. Und nur weil wir über unser eigenes 20-kV-Mittelspannungsnetz verfügen, konnte man das gar nicht verhindern.“

Das Biomasse-Heizkraftwerk liefert seit 2006 jährlich rund 63 Millionen Kilowattstunden Fernwärme (und damit 80 % des Bedarfs) sowie 45 Millionen Kilowattstunden Strom, der ins allgemeine Elektrizitätsnetz eingespeist und nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz einschließlich Kraft-Wärme-Kopplungs-(KWK-) und Nachwachsende-Rohstoffe-(Nawaro-)Bonus vergütet wird.

Eine technische Besonderheit ist der spezielle Vorschubrost, dem Verbrennungsluft mit 200 °C zur Vortrocknung der teilweise noch nassen Hackschnitzel zugeführt wird. Deshalb kann Brennstoff mit einem Wassergehalt von bis zu 55 % verwendet werden. Jährlich 14.500 Tonnen CO2 werden gegenüber dem nur noch für die Wärme-Lastspitzen eingesetzten Gas-und-Dampf-Kraftwerk eingespart.

 

Kontakt:

Stadtwerke Neustrelitz GmbH

Bernd Haase, Betriebsleiter
haase[at]stadtwerke-neustrelitz.de

Frank Schmetzke, Geschäftsführer
schmetzke[at]stadtwerke-neustrelitz.de

Wilhelm-Stolte-Straße 90
17235 Neustrelitz
Tel. 03981 474-302

 

Seeger Engineering AG
Dipl.-Ing. Frank Huckschlag

Tel. 05602 9379–25

fhu[at]seeger.ag

 

 

Kenndaten Projekt Neustrelitz

Jahr der Realisierung

2006

Art der Maßnahme

Holzheizkraftwerk am Fernwärmenetz zum Ersatz von Erdgas durch Holzhackschnitzel

Technologie

Feuerung auf Vorschubrost mit Vortrocknung; Dampferzeugung (485 °C) in Wasserrohrkessel; zweistufige Turbinenanlage; nach der ersten Stufe Entnahmedampf für Heizkondensator; Abdampf in Luftkondensator; Vorabscheider und Trockenelektrofilter für Rauchgas; flächendeckendes Fernwärmenetz für die Kernstadt, Länge: 39,5 km

Leistung

17 MW thermisch / 7,5 MW elektrisch

genutzte Biomasse und Herkunft

Hackschnitzel aus Durchforstungsholz; Baum- und Strauchschnitt

85.000 t/Jahr; Herkunft: max. 150 km Umkreis um Neustrelitz

mit Wärme versorgte Objekte

Wohnungen von etwa 15.400 Einwohnern, Gewerbebetriebe und öffentliche Einrichtungen

Stromerzeugung

45 Mio. kWh/Jahr

Wärmeabgabe

63 Mio. kWh/Jahr

Investitionskosten

17,6 Mio. Euro

Förderung

2 Mio. Euro (Europäischer Fonds für regionale Entwicklung: 1,5 Mio. Euro; Klimaschutz-Richtline Land Mecklenburg-Vorpommern: 0,5 Mio. Euro)

jährliche Einsparungen

Fernwärmepreis sinkt von 7,9 Cent/kWh auf 6,2 Cent/kWh; 480.000 Euro Wärmekosten für Nutzer des Fernwärmenetzes (2008)

Amortisationszeit

8 Jahre

CO2-Vermeidung

14.500 t CO2/Jahr

Beteiligte

Stadtwerke Neustrelitz GmbH (Investor und Betreiber); Seeger Engineering AG (Gesamtplanung)

 

 


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