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Rottweil: Bürger zufrieden mit ihrem Biogasheizkraftwerk

Eine alte Stadt setzt auf neue Technologien: Die alte Römerstadt Rottweil nutzt schon heute Biogas für die Wärme und Stromproduktion. Dafür nahm der Rottweiler Energieversorger (ENRW) Anfang 2008 das Biogasheizkraftwerk zur Nahwärmeversorgung und Stromeinspeisung in Betrieb. Nach anfänglicher Skepsis stehen die Bürger nun voller Stolz hinter diesem erfolgreichen Projekt, von dem insbesondere die ortsansässigen Landwirte profitieren.

Vor fünf Jahren stand das Rottweiler Biogasprojekt noch am Anfang:
Das defizitäre Erdgas-Blockheizkraftwerk musste damals erneuert werden.
Aber die damit verbundene Nutzung des Nahwärmenetzes wurde von den Bürgern als zu teuer empfunden und war daher nicht sonderlich beliebt.
Daher machte sich Energieversorger auf die Suche nach kostengünstigeren Alternativen. Nach einer gründlichen Abwägung der verschiedenen Möglichkeiten entschied man sich für ein Biogasheizkraftwerk.

Für diese Entscheidung waren insbesondere zwei Faktoren ausschlaggebend:
Einerseits eröffnet das Erneuerbare-Energien-Gesetz die Chance, mit der Produktion von Strom aus Biogas Geld zu verdienen. Dieses Geld kann dann wiederum genutzt werden, um das Nahwärmenetz auszubauen, sodass dieses sich für die Übertragung der Wärme aus dem Biogaskraftwerk eignet.
Ein zweiter wichtiger Faktor war, dass zu diesem Zeitpunkt ein Forscherteam des Landes Baden-Württemberg ein Referenzobjekt suchte, um den Bau einer Anlage zur Nahwärmeversorgung auf der Basis von erneuerbaren Energien zu begleiten. Interdisziplinäre Forschung war das Stichwort, denn Wissenschaftler aus drei verschiedenen Fachrichtungen arbeiteten zusammen an dem Projekt. Neben technischen Fragen galt es dabei insbesondere zu untersuchen, wie die Akzeptanz in der Bevölkerung für Nahwärmeversorgung auf der Basis von nachwachsenden Rohstoffen erhöht werden kann.

Engagiertes Mitwirken der Bürger

Das Forschungsprojekt ging von der  Annahme aus, dass das bestehende Nahwärmenetz nur dann besser akzeptiert würde, wenn die Bevölkerung sich aktiv in den Planungsprozess einbringen könne. „Das Herzstück des partizipativen Verfahrens war ein Bürgergutachten“, erläutert Dr. Uwe Pfenning von der Universität Stuttgart. „Dabei wendeten wir ein innovatives Element an, das sich im Nachhinein als sehr hilfreich erwies: In der empirischen Umfrage bei den Bürgern in Rottweil fragten wir anfangs unter anderem, wie die Bürgerinnen und Bürger an der Entscheidungsfindung beteiligt werden wollen.“ Die aufgrund der Ergebnisse gebildete Arbeitsgruppe von einem guten Dutzend „Bürgergutachter“ – auch kritische waren darunter – konnte sich daher als legitimiert betrachten. Dies sei, so Pfenning, mit ein Grund gewesen für die engagierte und motivierte Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger.

Im Laufe von sieben Monaten kam die Arbeitsgruppe zu neun Arbeitstreffen und zwei Besichtigungen zusammen. Außerdem wurden zwei Bürgerversammlungen veranstaltet, die gut besucht wurden. „Entscheidend für die aktive Beteiligung der Bürger war, dass sie den ganzen Prozess bis zur Entscheidung als ergebnisoffen wahrnahmen, denn die Vertreter der ENRW waren nicht stimmberechtigt und nur als Experten gefragt“, erklärt Pfenning. Die Arbeitsgruppe konnte sich die Schwerpunkte selbst setzen und war maßgeblich daran beteiligt, dass die zweite Bürgerversammlung sich dem Thema Ethik widmete. Denn unter den Bürgern gab es große Skepsis gegenüber der Verwendung von Nahrungs- und Futtermitteln zu Heizzwecken. Eine speziell eingeladene Fachreferentin konnte die Bedenken jedoch weitgehend ausräumen. So ist es erwiesen, dass genug Flächen für den Biomasseanbau ausgewiesen werden können – ohne dass es damit zu einer Verknappung von Nahrungsmittelressourcen oder zur Zerstörung von wertvollen Ökosystemen kommt.

Das Biogasheizkraftwerk Rottweil

Das Biogaskraftwerk nahm im Jahr 2008 den Betrieb auf. Die Kosten für das Kraftwerk betragen ca. 4,2 Mio. Euro. Acht Landwirte aus der direkten Umgebung liefern die Biomasse (pro Jahr etwa 11.000 Tonnen Gras, Kleegras, Mais, Triticale, Weizen sowie Rindermist) mit einer maximalen Anlieferungsdistanz von drei Kilometern (90 Prozent der Biomasse) und bringen die geruchsarmen Gärreste als Düngemittel wieder auf den Anbauflächen aus. Das durch Gärung entstehende Biogas wird in einem Blockheizkraftwerk (BHKW) in Strom und Wärme umgewandelt. Der Gesamtwirkungsgrad liegt bei 84 Prozent. Der gewonnene Strom wird in das Netz eingespeist und deckt so den Bedarf von etwa 1.000 Haushalten. Dies entspricht einer jährlichen Stromeinspeisung von ca. 4.000 Megawattstunden. Die Wärme des Biogaskraftwerks heizt via Nahwärmenetz mit einer Wärmeeinspeisung von ca. 3.000 Megawattstunden pro Jahr eine Schule und etwa 125 Wohngebäude.

Durch dieses Biogasheizkraftwerk wird eine jährliche CO2-Einsparung von ca. 3.000 t erreicht – dies entspricht in etwas den Emissionen, die beim Betrieb von 30.000 Kühlschränken entstehen.  

Die wissenschaftlichen Auswertungen des Projekts ergaben, dass die Spielräume für einen wirtschaftlichen Betrieb von KWK-Systemen mit Holz deutlich ansteigen, wenn das Versorgungsgebiet mehr als etwa 5.000 Menschen umfasst. Dies gilt auch bei dem in städtischen Randgebieten üblichen hohen Anteil von Einfamilien- und Reihenhäusern.
Der Einsatz von fester Biomasse ist für kompakte, städtische Siedlungsgebiete eine attraktive Option, sofern die lokalen Randbedingungen den Einsatz von Holz erlauben. In kleinen Orten wie beispielsweise in Rottweil hat die Nahwärmeversorgung auf der Basis von Biogas eindeutige wirtschaftliche Vorteile gegenüber der Nutzung von Holz. Verantwortlich dafür ist vor allem die hohe Stromproduktion, die sich durch den besseren Stromwirkungsgrad ergibt.

Mitsprache bringt Neukunden

Da die Stadt Rottweil wichtigster Gesellschafter der ENRW ist und auch die beteiligten ENRW-Fachleute vom Verlauf und den Diskussionen im Projekt profitierten, stand der konkreten Planung eines Biogasheizkraftwerks nichts mehr im Wege. Der ENRW-Projektleiter Eberhard Banholzer erinnert sich gerne an die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit den Wissenschaftlern und den Bürgergutachtern:„Das war sicher ein wesentlicher Grund dafür, dass die Anlage in der Bevölkerung heute so gut akzeptiert ist.“ Die zahlreichen Besucher am Tag der offenen Tür Ende Juni 2008 dokumentierten dies, aber auch die 18 gewonnenen Neukunden, die seit dem Jahr 2007 nun Nahwärme beziehen.
In Bezug auf die aktive Teilhabe der Bevölkerung sowie in technischer Hinsicht gelten sowohl das Projekt als auch die erstellte Anlage für viele Kommunen in Deutschland als Vorbild. Der Liefervertrag mit den Landwirten ist auf 15 Jahre festgelegt. Damit bleibt ein großer Teil der Wertschöpfung in der Region. Erste Kalkulationen ergaben, dass die Anlage wie geplant Gewinn erwirtschaftet. Einzig die im Bürgergutachten geforderte Kombination mit einer Holzverbrennung wurde noch nicht realisiert, weil „wir erst mal den Betrieb optimal zum Laufen bringen wollen“, wie Banholzer erklärt.

Die zufriedenen Gesichter in Rottweil täuschen nicht. Auf einem Nachtreffen, zu dem das Team der Sozialwissenschaftler zum Abschluss des Projekts eingeladen hatte, äußerten sich achtzig Prozent der Beteiligten zufrieden mit dem Ergebnis. Ein wichtiger Faktor dafür ist sicherlich, dass die Bürger hier von Anfang an konsequent in die Planung und Gestaltung einbezogen wurden und dass ihre diesbezüglichen Ideen und Bedenken ernst genommen worden sind.

Kontakt:

Andreas Leichtle
Teamleiter Wärmeversorgung
ENRW Energieversorgung Rottweil GmbH & Co. KG
In der Au 5, 78628 Rottweil
Tel.: 0741 / 472-165, Fax: 0741 / 472-160
E-Mail: andreas.leichtle@enrw.de


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