Lichtenau (Westfalen)

Im westfälischen Lichtenau drehen sich mehr als 100 Windräder – der Spitzenwert in Nordrhein-Westfalen. Und ein Teil des produzierten Stroms wird von einem örtlichen Unternehmen direkt an die Lichtenauer Bürger vertrieben. Neben der Windkraft sorgen über 600 Photovoltaik-Dachanlagen für regenerative Energie. Zusammen liefern Wind und Sonne über 120 Prozent des örtlichen Stromverbrauchs und über 40 Prozent des gesamten Energiebedarfs. Bis 2020 sollen daraus 100 Prozent werden. Der ehemalige Bürgermeister Dieter Merschjohann ist überzeugt: „Wenn man mit den Bürgern redet, dann klappt das auch.“. Bestes Beispiel sei das geplante Repowering der bestehenden Windkraftanlagen. „Es ist wichtig zu erklären, dass weniger Anlagen mehr Strom liefern. Repowering stärkt damit die Akzeptanz beim Ausbau der Windenergie“.

Energiewende gelingt mit den Bürgern
Um die Bürger in Erneuerbare-Energien-Projekte aktiv einzubinden, hat Lichtenau 2010 zusammen mit der benachbarten Stadt Salzkotten und drei Volksbanken die Energiegenossenschaft Paderborner Land ins Leben gerufen. Inzwischen ist auch die Gemeinde Altenbeken beigetreten. Die Genossenschaft betreibt Photovoltaik-Anlagen auf städtischen Dächern. „Wir wurden am Anfang etwas belächelt“, erinnert sich der ehemalige Bürgermeister Merschjohann. „Aber so kann jeder Bürger Kapital einbringen und sich an der Energiewende beteiligen. Der Mindestanteil beträgt 500 Euro. Seit dem Start haben wir schon über 200 Mitglieder gewonnen und werden jetzt auch über Windkraft nachdenken“. Merschjohann hofft nun auf eine Lockerung des Verbots von Windenergieanlagen auf Waldflächen in NRW. „Wir sind hier durch den Orkan Kyrill sehr geschädigt worden und haben viel Waldbestand verloren. Das sind mögliche Bauflächen für neue Windenergie-Projekte“.

Ein weiteres Beispiel gelungener Bürgerbeteiligung ist das Energiedorf Herbram-Wald. Die gut 130 Einwohner des Lichtenauer Ortsteils wollen sich ebenfalls zu einer Energiegenossenschaft zusammenschließen und werden sich ab dem kommenden Winter mit einem Holzhackschnitzelwerk selbst versorgen. Das Holz kommt aus stadteigenen Wäldern, unter anderem aus einem eigens zu diesem Zweck angepflanzten Energiewald.

Stadtwerke und Bürgerwindpark sind starke Partner
Wer die Energiewende von unten schaffen will, der braucht starke Partner in der Region. In Lichtenau sind das die 2009 gegründeten Stadtwerke. Deren Aufgabe sollte ursprünglich die Wasserversorgung der Stadt sein. „Wir hatten aber die Ausweitung des Geschäftsfeldes schon im Hinterkopf“, erinnert sich Merschjohann. „Seit 100 Tagen treten wir jetzt auch als Stromanbieter auf und halten damit die Wertschöpfung in der Region. Seitdem haben wir jeden Tag einen Kunden dazugewonnen“, so Merschjohann. Der Strom wird zunächst noch in Kooperation mit den Stadtwerken Lemgo geliefert. Für die Zukunft sind jedoch eigene Photovoltaik-Anlagen, Windkraftprojekte und auch eine Direktvermarktung angedacht. Als Vorbild dient die in Lichtenau ansässige Asselner Windkraft GmbH & Co. KG, die seit Mai 2011 ihren Strom aus einem Bürgerwindpark direkt an Haushalte vor Ort vermarktet.

Für den Einstieg in die Direktvermarktung müssen aber einige organisatorische Hürden genommen werden. Erforderlich sind in jedem Fall eine Lizenz als Energieversorgungsunternehmen, die bei der Bundesnetzagentur beantragt werden kann, sowie die Anmeldung beim Übertragungsnetzbetreiber. Außerdem muss ein Vertrag ausgearbeitet werden, der die geltenden Regelungen zum Verbraucherschutz beachtet. Wird Wind- oder Sonnenenergie genutzt, welche nicht die gesamte Zeit über in gleichem Maße zur Verfügung stehen, ist ein Partner erforderlich, der die Lücken in der Versorgung ausgleicht. Die Asselner arbeiten hierfür mit dem Leipziger Unternehmen Clean Energy Sourcing GmbH zusammen, das ebenfalls ausschließlich Energie aus regenerativen Kraftwerken in Deutschland liefert.

Strom von den Bürgern für die Bürger
Damit der Direktvertrieb finanziell gefördert wird, sind einige Vorgaben zu beachten. Beim zuständigen Hauptzollamt kann eine Stromsteuerbefreiung beantragt werden. Allerdings darf dafür die Nennleistung der Anlagen 2.000 Kilowatt nicht übersteigen und muss die Belieferung „in Ortsnähe“ erfolgen – wobei die maximale Entfernung je nach Bevölkerungsdichte variieren kann. Darüber hinaus kann das so genannte Grünstromprivileg genutzt werden. Ein Versorger, der mindestens 20 Prozent Wind- und Sonnenenergie, sowie insgesamt 50 Prozent Erneuerbare Energien bereitstellt, kann teilweise von der EEG-Umlage befreit werden.

In einem alternativen Förderungsmodell, der so genannten Marktprämie, lässt der Erzeuger seinen Strom von einem Händler an der Börse verkaufen. Die Differenz zwischen der möglichen EEG-Vergütung und dem durchschnittlichen Börsenpreis wird dann als Prämie ausgezahlt. Verkauft man seinen Strom zu höheren Preisen, erzielt man einen zusätzlichen Gewinn. Hinzu kommt bei Wind- und Solarenergie eine Managementprämie, die Planungsunsicherheiten kompensieren soll. Die Asselner Windkraft GmbH hat sich aber gegen eine Nutzung der Marktprämie und für das Grünstromprivileg entschieden, damit die Anwohner vor Ort auch als Verbraucher vom Betrieb der Windkraftanlagen profitieren können.

Als Gesellschafter sind 50 Bürger aus Lichtenau und Umgebung an der GmbH beteiligt, die damit ebenfalls von Menschen aus der Region getragen wird. Nachdem die Direktvermarktung zunächst auf Asseln beschränkt war, wurde das Stromangebot aus dem Bürgerwindpark Lichtenau-Asseln mittlerweile auf weitere Ortsteile Lichtenaus ausgeweitet. Das Besondere: Der Strompreis liegt mit 19,5 Cent plus Mehrwertsteuer unter dem Standardtarif des örtlichen Versorgers und der reine Energiepreis wird den derzeit 120 Privatkunden für 10 Jahre garantiert. Der günstige Festpreis kann garantiert werden, weil bei Erneuerbaren Energien – im Gegensatz zu fossilen Energieträgern – keine steigenden Beschaffungskosten zu befürchten sind.

Zukunftszentrum Lichtenau
Das Ziel, die Wertschöpfung bei Erneuerbaren-Energien-Projekten in der Region zu halten, liegt den Lichtenauern am Herzen: Anfang 2005 wurde das Technologiezentrum für Zukunftsenergien eingeweiht. „Durch die Nähe zur Universitätsstadt Paderborn planen wir, junge Unternehmen nach Lichtenau zu bringen. Damit wollen wir technisches Know-how im Erneuerbare-Energien-Bereich konzentrieren und letztendlich in lokale Projekte einbringen“, beschreibt Bürgermeister Merschjohann den Ansatz der Stadt. „Es darf bei Erneuerbaren-Energien-Projekten nicht bloß um individuellen Gewinn gehen. Stattdessen muss Wertschöpfung vor Ort erreicht werden: In einer schwach strukturierten Kommune wie Lichtenau können so neue Unternehmen angesiedelt, Arbeitsplätze geschaffen und Steuern und Gebühren gesenkt werden“.

Windkraft verleiht Flügel
Im westfälischen Lichtenau drehen sich bereits viele Windräder. Die Windkraft mit ihren 142 Anlagen und einer Gesamtleistung von 200 Megawatt fungiert als Transmissionsriemen auch für die anderen Bereiche der Erneuerbaren Energien. Das Stadtgebiet hat fast 1000 Solarstromanlagen, die insgesamt auf eine installierte Leistung von 18.500 Kilowattpeak kommen. Eine Biomasseanlage mit 600 Kilowatt Nennleistung rundet den Erneuerbaren-Mix ab und ebnete den Weg zur 100 % Erneuerbare Energiestadt. Auch im Bereich Wärmeerzeugung konnte durch den Bau- und die Inbetriebnahme eines modernen Holzhackschnitzelwerks im Ortsteil Herbram–Wald Ende 2013 ein fundamentaler Schritt getan werden. Die ideelle und architektonische Basis für die rasante Entwicklung stellt das Technologiezentrum für Zukunftsenergien (TZL) dar.

Auf diversen Zukunftskonferenzen sind in der Zeit von Januar 2011 bis Juni 2012 die Weichen für die weitere energetische Entwicklung gestellt und dies unter der Beteiligung regionaler Firmen und Investoren, der Stadt Lichtenau und ganz wichtig der Bürgerinnen und Bürgern Lichtenaus, die eigenständig eine Meinungsumfrage zu „100 % Erneuerbare Energie“ durchführten und seither das Projekt über die Arbeitsgruppe Energiestadt Lichtenau mittragen, die monatlich konkrete Handlungsschritte entwickelt und verabschiedet. Ein hauptberuflicher Klimaschutzmanager moderiert die Arbeit der diversen Handlungsgruppen und schafft dadurch Kontinuität. Ein umfassendes Klimaschutzkonzept dient dabei als Grundlage für die Klimaschutzstrategie der Kommune Lichtenau, das jetzt auch gezielt den Ausbau im Bereich der Elektromobilität vorschreibt.

Aktuell feiern die Stadt Lichtenau einen Meilenstein in ihrer Entwicklung, denn als erste NRW Kommune betreiben sie über ihre Stadtwerke einen eigenen Windpark in der Nähe des Ortsteils Hakenberg. Dabei wurden insgesamt 26,5 Millionen Euro für fünf Windkraftanlagen des Typs Enercon E-115  mit 206 Meter Gesamthöhe und drei Megawatt Leistung investiert. Zehn Millionen Euro steuerte  die Stadt Lichtenau bei. 16,5 Millionen Euro wurden über zwei regionale Banken investiert. Hermann Dickgreber, Geschäftsführer der Stadtwerke Lichtenau verwies dabei auf die stets konstruktive Zusammenarbeit der Finanzpartner und beschwor eines seiner Leitmotive „in der Region, für die Region.“ Der Klimaschutzmanager der Stadt, Günter Voß, freut sich derzeit über die Aufstellung eines Energie-Displays auf dem Gelände des TZL. Hier kann man ablesen wie viel Ökostrom  in der Energiestadt Lichtenau täglich produziert wird und wie hoch der Anteil des Ökostroms am Jahresverbrauch des Kreises Paderborn ausmacht (derzeit 70 %). Für Besucher und Schulklassen stellt das Display eine interessante Infoquelle dar.

Stand: Dezember 2016

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