Trendelburg

Die nordhessische Kleinstadt Trendelburg (5.500 Einwohner) wird in der Energieversorgung immer unabhängiger: An zwei Standorten stehen drei Windparks, die ersten Anlagen sind bereits seit 15 Jahren in Betrieb. Hinzu kommen eine Biogasanlage und eine Reihe kleiner Solaranlagen zur Stromerzeugung. Vier Wasserkraftwerke sind hier schon seit Generationen in Betrieb und wurden in den letzten Jahren zum Teil technisch aufgebessert. Bis zum Jahr 2011 möchte die Stadt die Entscheidung treffen, ob eine Loslösung vom Energieversorger E.ON möglich ist.

Trendelburg liegt in einem für Erneuerbare Energien günstigen Umfeld. Der Landkreis Kassel, zu dem die Stadt gehört, profitiert von der Nähe zur Universität Kassel. An der Hochschule entwickelte Ideen werden häufig im Landkreis umgesetzt. „Der Landkreis Kassel ist in Nordhessen der innovativste, was Energieeffizienz angeht“, sagt Peter Moser vom Kompetenznetzwerk Dezentrale Energietechnologien (deENet), einem Zusammenschluss von rund 90 Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Nordhessen. So hatte der Landkreis mit 243.000 Einwohnern bereits früh eine eigene Energieagentur, die Agentur Energie 2000 e.V.

Das schafft auch ein günstiges Klima für die Zusammenarbeit der Städte und Gemeinden untereinander. Trendelburgs ehemaliger Bürgermeister Klug sagt: „In der Region wacht man auf, nicht nur die Bürgermeister, sondern auch die Bürger, die sich stranguliert fühlen von den Energiepreisen und die uns als Politiker auffordern, nach Lösungen nicht nur zu suchen, sondern auch umzusetzen. Und dazu gehört eine enge Zusammenarbeit mit Nachbarkommunen.“
 
Mehr als die Hälfte seiner regenerativen Energie erzeugt Trendelburg durch Windkraft. Die Windparks wurden von den Bürgern initiiert und gebaut – zwei Anlagen von Bürgergesellschaften, die dritte von der Hessenwind, einer landeseigenen Gesellschaft. „Der Landschaftsplaner Stefan Wenning hatte die Koordination übernommen. Wir als Kommune sahen unsere Aufgabe darin, die Rahmenbedingungen zu schaffen“, sagt der ehemalige Bürgermeister Bernhard Klug. „Man muss auf die Leute zugehen, die bereit sind zu investieren und ihnen durch entsprechende Angebote Möglichkeiten geben, ihre Vorstellung umzusetzen.“

Heute, da die Anlagen knapp 15 Jahren Betrieb hinter sich haben und eine hohe Akzeptanz genießen, erinnert kaum etwas daran, dass die Planungen zunächst auch auf Skepsis gestoßen waren. Klug: „Wir hatten es mit den sattsam bekannten Bedenken zu tun. Die Bürger fürchteten Lärmbelästigung und den Diskoeffekt, der durch den Schatten der Rotorblätter entsteht. Und sie wollten nicht, dass die Landschaft rund um den Ort verspargelt.“
 

Akzeptanz durch fokussierte Planung: Ausweisung von Vorranggebieten

Von Beginn an haben Initiatoren und Gemeinde die Bedenken ernst genommen. Ihnen war früh klar, dass sie die Bürger nicht vor vollendete Tatsachen stellen konnten. „Wir haben die Leute einfach überzeugen können mit Argumenten“, sagt Klug. „Und wir haben deutlich gemacht, dass wir nicht die ganze Landschaft zupflastern mit Windkraftanlagen, sondern wir wollen sie gebündelt.“ Dazu blieb es nicht bei Absichtserklärungen. Die Gemeinde machte von einer Möglichkeit Gebrauch, die das hessische Bauplanungsrecht bot: Sie wies zwei Standorte in der Gemeinde als Vorranggebiete aus. Das bedeutet, dass außerhalb dieser Gebiete keine weiteren Windkraftanlagen genehmigt werden können. Für die Bürger bedeutet dies die Gewissheit, dass die Landschaft ihres Ortes geschützt ist und nicht beliebig mit Windkraftanlagen bebaut werden kann.

Vorranggebiete werden im Regionalplan festgeschrieben. Beantragt hat die Stadt Trendelburg sie beim Regierungspräsidium (in anderen Bundesländern entspricht dies der Bezirksregierung). Seinerzeit war Trendelburg eine der ersten Kommunen in Hessen, die dieses Instrument der Regionalplanung genutzt haben.

Transparente Informationspolitik

Um die Bedenken der Bürger zu zerstreuen, hat die Kommune viel Überzeugungsarbeit geleistet. Auf Informationsveranstaltungen wurde erklärt, dass die Belastungen durch Lärm und Schattenschlag viel geringer ausfallen würden als viele befürchtet hatten. Um das zu gewährleisten, waren in den Planungen die gesetzlichen Mindestabstände der Windkraftanlagen zum Siedlungsbereich nicht nur eingehalten, sondern deutlich überschritten worden. Damit sich die Skeptiker ein realistisches Bild von der Wirkung solcher Windkraftanlagen machen konnten, hat die Stadt außerdem Besichtigungen bestehender Anlagen angeboten.

Akzeptanz durch finanzielle Einbindung

Die Art der Finanzierung hat schließlich dazu beigetragen, die Bürgerschaft einzubinden: „Das Kapital kam nicht von großen Energieunternehmen, sondern ist in der Region generiert worden“, sagt Klug. „Das hat natürlich die Identifikation mit diesen Anlagen erhöht.“

Und auch bei kleineren Projekten erkennen die Bürger inzwischen den Nutzen, selbst dann, wenn sie nicht direkt finanziell beteiligt sind. So hat die Stadt etwa auf dem Dach des Kindergartens eine Photovoltaik-Anlage installiert. Die Erträge, die die Anlage erwirtschaftet, investiert die Kommune wieder in den Kindergarten und schafft neue Spielgeräte an. „Der Kindergarten wird dadurch attraktiver, das erkennen die Eltern. Und die Kinder sehen, was man mit Solarenergie alles bewegen kann“, sagt Klug.

Peter Moser von deENet ergänzt: „Es müssen immer wieder Einzelentscheidungen getroffen werden. Bei jedem Dach, bei jedem Park müssen die Betroffenen, die Entscheider einbezogen werden. Es geht um große Akzeptanzfragen, aber natürlich auch um die Bereitschaft davon zu profitieren.“

Der nächste Schritt: Niederspannungsnetze zurückkaufen

Insgesamt produzieren die Wind-, Wasserkraft- und Biogasanlagen bereits knapp 30 Gigawattstunden im Jahr. Damit ist nach einer vorläufigen Energiebilanz ungefähr das 1,2 bis 1,5-fache des Verbrauchs der Privathaushalte in Trendelburg abgedeckt. „Unser nächstes Ziel ist es, die kommunalen Niederspannungsnetze wieder in das Eigentum der Kommunen zu überführen. Wir haben am Beispiel der Stadtwerke Wolfhagen gesehen, dass dies funktionieren kann“, sagt Klug.

Die südwestlich im gleichen Landkreis gelegene Stadt kaufte im 2007 das Stromnetz vom Stromkonzern E.ON zurück, nachdem der vor zwanzig Jahren geschlossene Konzessionsvertrag abgelaufen war. Wenn im Jahr 2012 in Trendelburg der Konzessionsvertrag ausläuft, will die Stadt ihre Chance zum Rückkauf nutzen: „Zusammen mit der Erzeugung von regenerativer Energie vor Ort  und der entsprechenden Einspeisung in das dann kommunale Energienetz  würden wir um einen wichtigen Schritt unabhängiger werden von Öl und Gas, und es bliebe noch ein größerer Teil der Wertschöpfung in der Region. Die Kommunen können dies allerdings nur im Verbund mit anderen Städten und Gemeinden erreichen.“ Konkret bedeutet dies für Trendelburg und seine Nachbargemeinden die Gründung eines regionalen Energiewerks.

Stand: Juni 2009

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Fotos: Stadt Trendelburg

Kontakt

Stadt Trendelburg
Tel.: 05675 74990
Mail: stadt@trendelburg.de
Web: www.trendelburg.de

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