Wiernsheim

Die Gemeinde Wiernsheim liegt in zentraler Lage zwischen den Ballungszentren Stuttgart und Karlsruhe. Hier betreiben Verwaltung, Gemeinderat, Bürger und Gewerbetreibende seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aktiven, kommunalen Klimaschutz. Im Jahr 2006 hat die Gemeinde dann ein Energieleitbild formuliert, in dem die bisher praktizierten Grund- und Leitsätze der kommunalen Energiepolitik festgeschrieben sind. Das Energieleitbild wird ständig fortgeschrieben. Es formuliert das realistische Ziel, bis zum Jahr 2020 die Kohlendioxydemission im Energiebereich je Einwohner um 15 Prozent zu reduzieren. Bis zum Jahr 2050 soll der Wert auf 30 Prozent gesteigert werden. Im Energieleitbild hat die Gemeinde ihre vorher bereits praktizierten Grundsätze für die kommunale Energiepolitik festgeschrieben. Die kommunale Energiepolitik soll nachhaltig sein, Vorbildfunktion haben, die lokale Wertschöpfung stärken, Energieeffizienzmaßnahmen im Rahmen von Ortskernsanierungen fördern, den Einsatz Erneuerbarer Energien bezuschussen, den Individualverkehr reduzieren und Beratungsangebote für die Bürger schaffen.

Karlheinz Oehler, als Bürgermeister der Gemeinde seit über 30 Jahren im Amt, erklärt die Gemeindestrategie anhand erfolgreicher Leichtathleten: „Für die Energiewende braucht man keinen Bob Beamon, sondern einen Emil Zátopek oder gar einen Abebe Bikila. D.h. die Energiewende ist nicht mit einem großen einmaligen Sprung zu schaffen, sondern sie erfordert Ausdauer und viele kleine Schritte. Sie ist ein Prozess, bei dem wir alle mitnehmen müssen.“

Sanierungswille als Ausgangspunkt für Klimaschutz

Ausgangspunkt für das Engagement war in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Ziel, den überalterten und beinahe entvölkerten Ortskern der Gemeinde wieder als Wohnraum für junge Familien attraktiv zu machen. Durch Investitionszuschüsse von bis zu 40 Prozent wurden 23 der ehemals 128 Gebäude neu errichtet und 60 weitere saniert. 1994 nutzte die Gemeinde die Chance, am Programm zum experimentellen Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) des Bundesbauministeriums teilzunehmen. Ein auf drei Jahre angelegtes Forschungsprojekt konzentrierte sich auf die Schadstoffminderung im Städtebau. In diesem Rahmen wurde die Gesamtenergiebilanz der Gemeinde analysiert, so dass deutlich wurde, wie hoch der Energiebedarf für Wohnen und Mobilität in der Gemeinde war. Seitdem wird das Thema Energieverbrauch und Erneuerbare Energien bei Bautätigkeiten im Ortskern sowie in allen anderen Ortsgebieten mitgedacht.

Fördern statt Fordern

Die Gemeinde Wiernsheim fördert seit Mitte der Neunziger im Rahmen der Ortskernsanierungen die Umsetzung von Energiesparmaßnahmen und die Umstellung und Modernisierung der Heizungssysteme in privaten Wohngebäuden. Außerhalb der Sanierungsgebiete werden der Einsatz Erneuerbarer Energien, die Errichtung von Energiesparhäusern und die Umrüstung der Beleuchtung auf LED durch die Kommune bezuschusst. Gebäudeeigentümer können für ihre geplanten Maßnahmen einen Antrag bei der Gemeinde stellen. Wird der Antrag genehmigt, können Maßnahmen der energetischen Sanierung mit bis zu 40 Prozent gefördert werden. Die Gemeinde fördert auch die Umstellung auf regenerative Energien, z.B. wird der Einsatz einer Wärmepumpe mit bis zu 3.000 Euro bezuschusst. Bei der Ortskernsanierung übernimmt das Land zwei Drittel der Förderung, ein Drittel kommt aus dem Gemeindehaushalt. Die Förderung von Erneuerbaren und LED-Lampen erfolgt komplett aus dem Gemeindehaushalt und wird aus den Konzessionseinnahmen für die Strom- und Gasnetze finanziert. Aus dem Wiernsheimer Haushalt werden so jährlich zwischen 300.000 bis 400.000 Euro für die Fördermaßnahmen aufgewendet.

„Mit dem Ansatz ‚ Fördern statt Fordern‘ haben wir in Wiernsheim sehr gute Erfahrungen gemacht“, erklärt Bürgermeister Oehler. „Was die Bürger freiwillig machen, ist immer besser als was wir ihnen vorschreiben wollen. Die Menschen hier sind stolz auf die bisherigen Erfolge. Besonders auch, weil die Maßnahmen nicht verordnet waren.“

Wärmepumpen bringen Wärmepumpen voran

Welche Hebelwirkung diese kommunale Politik haben kann, zeigt die Nutzung der Erdwärme. In allen vier Ortsteilen sorgen über 190 Wärmepumpen für Raumwärme und Warmwasser; davon die meisten mit Erdwärmenutzung. Für eine 6.500-Einwohner-Gemeinde ist das eine beeindruckende Anzahl. Die installierteHeizleistung liegt bei 1.900 Kilowatt. Unter der Verwendung von etwa 1.200 Megawattstunden Strom liefern sie zusammen ca. 4.000 Megawattstunden Wärme. Noch bevor der Staat im Rahmen des Marktanreizprogrammes (MAP) Wärmepumpe förderte, konnten Hausbesitzer in Wiernsheim bereits eine finanzielle Unterstützung für diese Technologie bei der Gemeinde beantragen. Für Erdwärmepumpen betrug diese bis zur Einführung des Fördertatbestandes im MAP im Jahr 2008 5.000 Euro und liegt im Jahr 2015 nun bei bis zu 3.000 Euro.

Auch im Kindergarten im Ortsteil Serres sorgt eine Wärmepumpe für Raumwärme und Warmwasser. Als der Neubau anstand, zögerte die Gemeinde nicht lange und entschied, nicht nur ein Passivhaus, sondern ein so genanntes Plus-Energie-Haus zu bauen, also ein Gebäude, das mehr Energie erzeugt, als es selbst benötigt. Mit der Fertigstellung 2009 war so der bundesweit erste Plus-Energie-Kindergarten entstanden. Durch den Einsatz einer Wärmepumpe mit zwei Bohrungen mit knapp 100 Metern Tiefe wird das Gebäude, das nach dem Passivhausstandard errichtet wurde, erwärmt. Es findet eine kontrollierte Gebäudebe- und entlüftung statt; hierbei wird die Außenluft über einen horizontalen Erdwärmetauscher vorgewärmt. Durch die Nutzung von Solarzellen mit drei Schichten ist der Wirkungsgrad auch bei diffusem Licht optimiert. Die Solarfläche ist passgenau auf das Blechdach des Kindergartens laminiert. Durch die Solarstromanlage erzeugt der Kindergarten genug Strom für den eigenen Verbrauch und den Betrieb der Wärmepumpe.

Arbeitskreis Energie schärft Fokus

In Wiernsheim ist die Energiewende ein Anliegen der Bevölkerung. Leitbilder und Ziele der kommunalen Klimapolitik sowie konkrete Vorhaben werden hier gemeinsam diskutiert und erarbeitet. Ein Forum dazu bildet der Arbeitskreis Energie, den es seit 2005 gibt. Im Arbeitskreis bearbeiten Verwaltung, Gemeinderäte, Handwerker und interessierte Bürger Fragen rund um das Thema Energie in privaten und öffentlichen Gebäuden. Der Arbeitskreis bündelt die energierelevanten kommunalen Themen. Er berät und unterstützt den Gemeinderat bei allen Fragen der Energieplanung, des Energieverbrauches und der Energieversorgung. Er empfiehlt auch, mit welchen Sätzen Maßnahmen der energetischen Sanierung oder der Umstieg auf Erneuerbare Energien gefördert werden sollen. In regelmäßigen Veranstaltungen informiert er außerdem über neueste Trends und Entwicklungen auf diesem Gebiet. Im Fokus der Arbeiten standen u.a. die Umrüstung eines Großteils der Straßenlampen auf LED, die Nutzung von Klärgas im Blockheizkraftwerk der Kläranlage, sowie die kommunale Förderrichtlinie für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz.

Kommunale Gebäude mit Vorbildcharakter

Kommunale Gebäude wie der Kindergarten in Serres sind in Wiernsheim Meilensteine auf dem Weg zur lokalen Energiewende. Steht der Neubau oder die Sanierung eines kommunalen Gebäudes an, ist es Dr. Achim Stuible, Leiter des Arbeitskreises Energie, wichtig, dass das Endprodukt eine Vorbildfunktion hat. Für alle kommunalen Neubauten wird Passivhausstandard angestrebt. Ein weiteres Anliegen: Es sollen verschiedene Technologien zum Einsatz kommen, um Erfahrungen zu machen, die dann auch mit dem Bürgerinnen und Bürgern geteilt werden können.

Derzeit sind der Neubau eines Kindergartens im Ortsteil Iptingen und ein Erweiterungsbau für das Rathaus im Ortskern in der Planung. Der Rathausanbau soll mit einer Gasbrennwerttherme auf Basis von Biogas versorgt werden. Beim Iptinger Kindergarten wird das Konzept verfolgt, nur wiederverwertbare Baumaterialien zu verwenden. Hauptenergiequelle soll Sonnenenergie werden – ggf. ergänzt durch eine Pelletheizung.

Erfahrungen mit einem Solar-Eisspeicher in Verbindung mit einer Gas-Absorptionswärmepumpe hat die Gemeinde durch das hiesige Bildungszentrum. Es wurde 2013 als Multifunktionsgebäude im Passivhausstandard realisiert. In dem Gebäude sind dem neben Kindergarten und Kindertagesstätte, auch die Mensa der Grundschule und das Archiv der Gemeinde untergebracht.

Im Heizkeller des Wiernsheimer Kaffeemühlenmuseums sorgt eine Brennstoffzelle für Raumwärme und Warmwasser und versorgt außerdem eine Tankstelle für Elektrofahrräder mit Strom. Der Einsatz der Brennstoffzelle findet im Rahmen eines von der Bundesregierung geförderten Praxistests der EnBW statt.

In der Kläranlage wurde 2013 das Blockheizkraftwerk (BHKW) erneuert, das die im Klärwerk entstehenden Faulgase nutzt, um Strom und Wärme zu produzieren. Die so umgewandelte Energie nutzt das Klärwerk für den eigenen Energiebedarf (Pro Jahr verbraucht das Klärwerk 260.000 Kilowattstunden Strom im Jahr.) Das spart Brennstoff ein: Mit dem BHKW hat das Klärwerk seinen Heizölbedarf um 80 Prozent senken können.

Und die Wiernsheimer eifern dem Vorbild ihrer Gemeinde nach: Im Jahr 2013 waren 280 Photovoltaikanlagen mit einer installierten Gesamtleistung von 2.852 Kilowatt vorhanden. Sie erzeugen rund 2.700 Megawattstunden Strom pro Jahr. Auf rund 800 Quadratmetern Wiernsheimer Dachfläche arbeiten Solarthermieanlagen und erzeugten 2013 rund 470 Megawattstunden. So stemmen Kommune und Bürgerschaft gemeinsam die Energiewende in Wiernsheim.

Zum Energieleitbild der Gemeinde Wiernsheim

Stand: Oktober 2015

Bildergalerie

Im Bildungszentrum Wiernsheim ist ein Eis-Speicher die Wärmesenke.
Karlheiz Oehler, Bürgermeister Wiernsheim
im Kaffeemühlenmuseum Wiernsheim arbeitet eine Brennstoffzelle.
Plus-Energiehaus-Kindergarten in Wiernsheim
Wiernsheim
 

Bildquelle: Gemeinde Wiernsheim

Kontakt

Gemeinde Wiernsheim
Arbeitskreis Energie
Dr. Achim Stuible
Email: achim.stuible@t-online.de

Kommunalatlas

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