Akzeptanz fällt nicht vom Himmel

Die Erneuerbaren Energien erfreuen sich in Deutschland großer Beliebtheit und viele entsprechende Projekte werden ohne Widerstand von Seiten der Bevölkerung umgesetzt. Doch gerade bei Windparks und Biogasanlagen kann es an Akzeptanz fehlen. Sie stoßen mitunter auf hartnäckige Ablehnung von Anwohnern, die vor allem Lärm, verbaute Landschaften oder unangenehme Geruchsentwicklung befürchten. Doch die Erfahrungen zeigen: Wenn es gelingt, die Bevölkerung schon im Vorfeld umfassend zu informieren und an den Planungen zu beteiligen, wenn deutlich gemacht wird, wie jeder Einzelne profitieren und sich womöglich sogar finanziell beteiligen kann, dann stehen die Menschen vor Ort meist hinter den Energieprojekten.

Die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) hat im Herbst 2011 das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest mit einer Umfrage zur Akzeptanz Erneuerbarer Energien beauftragt. Die Ergebnisse zeigen, dass erneuerbare Technologien in Deutschland große Zustimmung finden. 94 Prozent der Befragten halten den verstärkten Ausbau der Erneuerbaren für „wichtig“ oder sogar für „sehr oder außerordentlich wichtig“. Für mehr als 80 Prozent der Befragten tragen die regenerativen Energien zu einer sicheren Zukunft für kommende Generationen bei. 79 Prozent sehen sie als Garant für den Klimaschutz. Aber auch die Chance, sich an der Energieversorgung zu beteiligen (65 Prozent), sowie die Unabhängigkeit von Energieimporten (65 Prozent) sind der Umfrage zufolge wichtige Beweggründe dafür, dass die Mehrzahl der Bürger bereit ist, die erneuerbare Energiewende zu unterstützen.

Ausbau ja, aber ...
Selbst in direkter Nachbarschaft werden Erneuerbare Energien akzeptiert: 65 Prozent der Befragten gaben an, Anlagen in der Nähe ihres Wohnortes zu begrüßen. Die Zustimmung steigt sogar noch, wenn die Befragten bereits Erfahrungen zum Beispiel mit Windenergieanlagen oder Solarparks in ihrer unmittelbaren Wohnumgebung gemacht haben. Doch warum stoßen trotz dieser breiten Zustimmung einzelne Erneuerbare-Energien-Projekte auf teils erbitterten Widerstand von Anwohnern? Der Standort ist von großer Bedeutung für die Akzeptanz vor Ort. Bei Windrädern ist zum Beispiel der Abstand zu Wohnhäusern entscheidend. „Da bleiben wir lieber etwas weiter weg“, sagt Michael Gottschalk vom Landratsamt Neumarkt in der Oberpfalz – auch wenn rein rechtlich Abstände von 500 Metern möglich sind. Die Erfahrung im Landkreis zeige, so Gottschalk, dass es bei Abständen über 1.000 Metern kaum Probleme mit Geräuschen durch das Windrad gebe. Auch eine auf einer historischen Stadtmauer montierte Photovoltaikanlage oder ein im Naturschutzgebiet geplantes Wasserkraftwerk stoßen schnell an die Grenzen der Akzeptanz. Eine umsichtige Planung ist deshalb unerlässlich.

Es ist nicht nur entscheidend, die Öffentlichkeit auf verständliche Art und Weise, sondern sie auch frühzeitig zu informieren. „Wenn man nur noch deren Zustimmung einholen will, ist das schwierig“, sagt Carsten Wachholz vom Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU). „Das löst Widerstand aus.“ Wer aus Angst vor Protesten ein Projekt möglichst schnell und leise durchsetzen wolle, erschwere die Ausgangslage für jedes weitere Vorhaben. Wachholz empfiehlt, schon im Vorfeld zu sondieren, wo es Konflikte geben könnte. „Mit den Bürgern, die vom Standort direkt betroffen sind, sollte man sich in kleiner Runde zusammensetzen. Da können zusätzliche Auflagen und Entschädigungen ein Thema sein.“ Der NABU hat einen Kommunikationsratgeber herausgegeben, der über Dialog- und Beteiligungsmöglichkeiten in allen Projektphasen informiert.

Profitieren bedeutet akzeptieren
Wissenschaftliche Untersuchungen
der Forschungsgruppe Umweltpsychologie an der Universität Magdeburg zeigen, dass die Akzeptanz Erneuerbarer-Energien-Projekte bei den Menschen vor Ort stark vom Gerechtigkeitsempfinden abhängt. Dabei geht es einerseits um die Frage, ob die durch die Anlagen entstehenden Belastungen und Profite gleichmäßig verteilt sind. Andererseits ist es wichtig, ob die Bürger den Planungs- und Umsetzungsprozess als gerecht und fair empfinden. Zentrale Fragen in diesem Zusammenhang sind: Wo wird ein Projekt realisiert? Und wie wird es umgesetzt? In ihrer Untersuchung kommen die Magdeburger Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass sich lokale Widerstände vermeiden lassen, wenn die Bürger besser informiert und stärker involviert werden. Das kann sowohl bedeuten, sie schon in die Planungen einzubeziehen, als auch finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten anzubieten.

So kann zum Beispiel ein Windpark als Bürgerwindpark realisiert werden. Die Bewohner einer Kommune bekommen so die Gelegenheit, Anteile an den Anlagen zu erwerben und am Gewinn beteiligt zu werden. Die finanziellen Vorteile wiegen in der Regel mögliche Belastungen auf. Auch Grundstückseigentümer können Einnahmen durch Erneuerbare-Energien-Anlagen erzielen. Wird darüber hinaus offen dargelegt, welche positiven Auswirkungen Erneuerbare-Energien-Projekte auf die Gewerbe- und Einkommensteuern sowie das örtliche Handwerk haben, erhöht das zusätzlich die Akzeptanz.

Bürgerstiftung profitiert von Windanlagen

Foto: Enercon GmbH

Im brandenburgischen Dorf Schlalach sorgt beispielsweise ein spezielles Flächenpachtmodell für hohe Akzeptanz. Der Eigentümer, auf dessen Grundstück ein Windrad gebaut wird, erhält hier lediglich 20 Prozent des Pachterlöses. Die übrigen 80 Prozent werden auf alle Eigentümer in der Windeignungsfläche umgelegt. Zudem können die Anwohner auch indirekt von den Anlagen profitieren: über eine eigens gegründete Bürgerstiftung. 0,75 Prozent der Einspeisevergütung, umgerechnet etwa 50.000 Euro im Jahr, kommen auf diese Weise gemeinnützigen Projekten vor Ort zugute. Mehr Informationen finden Sie hier.

Unterstützung durch Moderatoren

Foto: Nico Pudimat

Im baden-württembergischen Rottweil-Hausen wurden die Bürger befragt, welche Form der Beteiligung an einem geplanten Biogasheizkraftwerk sie sich wünschen. Fast ein Jahr lang traf sich eine Arbeitsgruppe jeden Monat und erstellte abschließend ein Bürgergutachten. Begleitet wurde die Gruppe unter anderem von dem Sozialwissenschaftler Dr. Uwe Pfenning. „Partizipative Verfahren sind überall und bei allen Themen einsetzbar“, sagt er. „Sie bedürfen aber einer guten Vorbereitung und professioneller Durchführung.“ Mehr Informationen finden Sie hier.

Akzeptanzmaßnahmen
  • von Anfang an transparent und umfassend informieren, etwa durch Informationstage und in der Lokalpresse
  • wichtige Akteure wie Vereine, Kirchen, Medienvertreter, Land- und Forstwirte oder Stadtwerke in allen Projektphasen einbinden
  • interessierte Bürger und lokale Akteure bereits bei der Entwicklung eines Leitbilds oder Energiekonzepts beteiligen
  • vorhandenen Sachverstand von Vor-Ort-Experten wie Naturschutzgruppen und lokalen Unternehmen nutzen
  • Exkursionen zu erfolgreichen Projekten durchführen und so abstrakte Planungen greifbar machen
  • Vorteile wie Versorgungssicherheit und Wertschöpfung am konkreten Beispiel aufzeigen
  • Lokale Unternehmen und Handwerksbetriebe beauftragen
  • finanzielle Bürgerbeteiligung ermöglichen, damit alle profitieren können
  • als Kommune mit positivem Beispiel vorangehen, etwa durch kostenfreie Dachflächen für Solarprojekte
  • Erfolge öffentlich kommunizieren und so die Praxistauglichkeit Erneuerbarer Energien zeigen
  • die Identifikation mit den Projekten durch die Teilnahme an Wettbewerben und Aktionstagen erhöhen
  • professionelle Mediationsangebote nutzen, falls doch einmal ein größerer Konflikt entsteht

Weitere Informationen

Weitere Grafiken