Erneuerbare Wertschöpfung

Ökonomische Vorteile der Beteiligung regionaler Akteure und des kommunalen Eigenbetriebs

Dank der erfolgreichen Förderung von Erneuerbaren Energien in Deutschland tragen diese mittlerweile in bedeutendem Maße sowohl zur Stromerzeugung, aber auch zur Wärme- und Kraftstoffbereitstellung bei. Der Kerngedanke der emissionsarmen Energieerzeugung als Beitrag zum Klimaschutz ist dabei schon länger nicht mehr der einzige Anreiz. Die zunehmende Dezentralisierung des Energiesystems schafft die Voraussetzungen für neue Formen von Teilnahme an der Umgestaltung unseres Energiesystems.  Mit der Teilnahme an den Ausbauprozessen geht in vielen Fällen auch eine Teilhabe an den damit verbundenen ökonomischen Vorteilen einher. Photovoltaikanlagen auf dem eigenen Hausdach können attraktive Investitionsobjekte sein. Biogasanlagen ermöglichen  den angegliederten landwirtschaftlichen Betriebe eine wichtige Quelle für Beschäftigung und Einkommen. Und nicht wenige klamme Kommunen versprechen sich von den auf ihren Flächen installierten Windenergieanlagen Steuereinnahmen, um ihren Haushalt aufzubessern und mit diesen Mehreinnahmen Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung zu finden.

Beteiligte Unternehmen und Beschäftigungseffekte
Dabei finden sich die unterschiedlichsten regionalen Akteure auf allen Stufen der Erneuerbaren Wertschöpfungsketten wieder. Hersteller von Erneuerbare-Energien-Anlagen oder von Anlagenkomponenten sind nicht selten etablierte Unternehmen, die sich damit neue Standbeine schaffen. In vielen Vorreiterkommunen werden aber auch die Voraussetzungen für Neuansiedlungen dieser Unternehmen geschaffen. Sind in einer Kommune keine Anlagenhersteller vertreten, so finden sich, zumindest im Bereich der Photovoltaik, der Solarthermie und der holzbefeuerten Heizanlagen (Handwerks-) Unternehmen, welche die Installations- aber auch wiederkehrende Wartungsarbeiten übernehmen. Nicht zuletzt wird in einigen Anlagen auch Betriebspersonal benötigt und so Beschäftigung für die Bürger geschaffen.

Finanzielle Teilhabe
Eine rein finanzielle Teilhabe findet statt, wenn regionale Akteure sich als Investoren an Anlagenprojekten beteiligen und von den  durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz festgelegten Vergütungssätzen gesicherten Betriebsüberschüssen der stromerzeugenden Anlagen profitieren. Hier sind Fonds, Genossenschaften oder andere Beteiligungsformen denkbar, die es einer Vielzahl von Akteuren ermöglichen den Ausbau von Erneuerbare-Energien-Anlagen vor Ort zu unterstützen und dabei finanziell an der Energiewende teilzuhaben. Die betriebsbezogenen Wertschöpfungseffekte machen nach einer aktuellen Berechnung des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung einen Anteil von 47 Prozent der deutschlandweiten Effekte aus.[1] Berücksichtigt man, dass in einer durchschnittlichen Kommune kaum große Anlagenhersteller ansässig sind, da deren Produktionsstrukturen eher zentral ausgestaltet sind, so steigt dieser Anteil auf bis zu 78 Prozent. Diese Ergebnisse machen deutlich, dass die nach regionalökonomischen Gesichtspunkten wichtigsten Aktivitäten einer Wertschöpfungskette  der Erneuerbaren Energien in nennenswertem Umfang regionalen Akteuren zu Gute kommen.

In kommunaler Hand
Der Trend zur Rekommunalisierung oder Neugründung von Stadtwerken zeigt weiterhin, dass Kommunen längst nicht mehr nur auf Gewerbesteuer- und Pachteinnahmen setzen, um an der Energiewende teilzuhaben. Der Betrieb eigener Anlagen und der Verteilnetze, in denen die Anlagen oft angeschlossen sind, werden zunehmend zu wichtigen Steuerungselementen der Entwicklungsstrategien proaktiver Kommunen, um ihre regionalen Ziele umzusetzen. Mit geeigneten Informations- und Kommunikationsmaßnahmen können dann auch weitere Akteure wie  beispielsweise das lokale Handwerk in die Gesamtstrategie einbezogen werden. Neben den technischen Schritten spielt die Finanzierung einer Erneuerbare-Energien-Anlage mithin die bedeutendste Rolle hinsichtlich der Wertschöpfung. Wie in Beispielrechnungen gezeigt werden kann, machen die Betreibergewinne den weitaus größten Teil der Wertschöpfung während des Anlagenbetriebs aus. [2]

Zwei Modellrechnungen einer Windenergieanlage
Für eine anschauliche Darstellung der Bedeutung eines regionalen Investorenmodells und der Beteiligung lokaler Akteure an den anderen Wertschöpfungsschritten hat das IÖW zwei Modellrechnungen für eine Windenergieanlage mit einer Leistung von zwei Megawatt durchgeführt. Fall 1 stellt dabei ein Beispiel mit minimaler Wertschöpfung dar. Hier verbleiben nur die Pachteinnahmen und ein gesetzlich festgelegter Anteil der Gewerbesteuerzahlungen von 70 Prozent in der Standortkommune.[3] Die restlichen relevanten Wertschöpfungsschritte, wie die Fremdkapitalfinanzierung und die Anlagenwartung, werden von Akteuren außerhalb der Kommune übernommen. Die Betreibergesellschaft hat ihren steuerrechtlichen Sitz ebenfalls außerhalb und das Eigenkapital wird ausschließlich von auswärtigen Investoren gestellt.

Regionales Investment
Im Fall 2 dagegen wurde angenommen, dass die Betreibergesellschaft vor Ort sitzt und 50 Prozent des Eigenkapitals von vor Ort ansässigen Investoren kommt. Weiterhin werden 50 Prozent des Fremdkapitals von regionalen Banken gestellt, so dass auch hier ein wichtiger Bestandteil der Wertschöpfung im Anlagenbetrieb regional verbleibt. Aufgrund der relativ hohen Bedeutung der Betreibergewinne und der Gewerbesteuer im Anlagenbetrieb, kann die Wertschöpfung gegenüber dem Fall 1 um über 300 Prozent gesteigert werden. Da aber noch immer nicht das gesamte Eigen- und Fremdkapital von regionalen Akteuren aufgebracht wird, liegt die im Fall 2 regional einbehaltene Wertschöpfung noch immer nur bei ungefähr zwei Dritteln der maximal möglichen Wertschöpfung des Anlagenbetriebs. Dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig eine umfassende Beteiligung regionaler Akteure an den vor Ort betriebenen Erneuerbare-Energien-Anlagen sein kann, damit auch die Standort-Region von den ökonomischen Vorteilen profitieren kann.

Transparente Information
Dabei müssen Kommunen nicht unbedingt als Anlagenbetreiber auftreten. Sie können auch mit geeigneten Maßnahmen zur transparenten Information über regionale Erneuerbare-Energien-Projekte und über Möglichkeiten zur Planungs- und Finanzierungsbeteiligung zur Akzeptanzsteigerung und zur lokalen Bindung der jeweils generierten Wertschöpfung beitragen. Angesichts günstiger Kreditkonditionen und des zunehmenden Eigenbetriebs von Stadtwerken, sowie der sicheren Ertragslage aufgrund der gesicherten Abnahme und Vergütung des erzeugten Stroms, kann eine Bündelung verschiedener Erneuerbare-Energien-Projekte bei der Kommune und die Integration in ein Gesamtkonzept, auch zur attraktiven Variante einer proaktiven Kommune werden.

Konsistente Gesamtstrategie
Wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Eigenbetrieb von Erneuerbare-Energien-Anlagen ist zum einen eine konsistente Gesamtstrategie, die neben der Stromerzeugung beispielsweise auch die Wärmeversorgung und gegebenenfalls auch den Betrieb der lokalen Verteilnetze oder zumindest Mitspracherechte beinhaltet. Weiterhin ist eine umfangreiche und gezielte Öffentlichkeitsarbeit sinnvoll, um die notwendige Unterstützung und Beteiligung der Bürgerschaft sicherzustellen. Eine transparente Darstellung der unternehmerischen Verflechtungen, der Zielsetzungen, aber auch der Gewinnverwendungen ist dabei unabdinglich.[4] Die wichtigste Anforderung zur Erzielung möglichst hoher regionaler Wertschöpfung ist jedoch, beim Re-Design der Energiepolitik und insbesondere des Erneuerbare-Energien-Gesetz solche Projekte nicht gegenüber dem Investment von Großunternehmen zu benachteiligen, wie dies wahrscheinlich durch Auktionierungs- und sicher durch Quotenmodelle der Fall wäre.

Literatur:

Aretz, Astrid, Katharina Heinbach, Bernd Hirschl und Johannes Rupp (2013a): Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte durch den Ausbau Erneuerbarer Energien - Hintergrundmaterial. Hamburg. www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/energie/20130902-Greenpeace-Studie-Wertschoepfung.pdf.

Aretz, Astrid, Katharina Heinbach, Bernd Hirschl und André Schröder (2013b): Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte durch den Ausbau Erneuerbarer Energien. Hamburg. www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/energie/20130902-Greenpeace-Studie-Wertschoepfung.pdf.

Ruppert-Winkel, Chantal, Jürgen Hauber, Astrid Aretz, Simon Funcke, Michael Kreß, Sophia Noz, Steven Salecki, Patric Schlager und Järmo Stablo (2013): Die Energiewende gemeinsam vor Ort gestalten. Ein Wegweiser für eine sozial gerechte und naturverträgliche Selbstversorgung aus Erneuerbaren Energien - Schwerpunkt Bioenergie. www.ee-regionen.de/fileadmin/EE_Regionen/redaktion/Wegweiser/EE-Regionen_Wegweiser_2013.pdf.


[1] Aretz et al.(2013b).

[2] Je nach EE-Technologie, Wirtschaftlichkeitssituation und Ausgestaltung der restlichen Wertschöpfungskette schwankt der Anteil der Betreibergewinne an der gesamten Wertschöpfung. Sie nehmen jedoch zumeist den größten Anteil ein. Vgl. hierzu Aretz et al. (2013a).

[3] Dieser Anteil entfällt allerdings nach Erfahrung vieler Kommunen, auf deren Gebiet Anlagen externen Investoren und Betreiber installiert sind, da diese aus steuerlichen und unternehmerischen Gründen weniger oder gar keine Gewinne erzielen bzw. ausweisen. Auch dies ist ein zentraler Unterschied zu den Bürgerenergieanlagen.

[4] Weiterführende Informationen für eine Gesamtstrategie einer regionalen Selbstversorgung unter Beachtung sozialer, ökonomischer und ökologischer Aspekte bietet der Wegweiser „Die Energiewende gemeinsam vor Ort gestalten“ (Ruppert-Winkel et al. 2013).

Autor: Bernd Hirschl

Geboren 1969 in Wilhemshaven. Diplom-Wirtschafts- ingenieur, 2007 Promotion. Seit 2003 Leiter des Forschungsfelds "Nachhaltige Energiewirtschaft und Klimaschutz" am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Seit 2012 Professor an der Hochschule Lausitz (FH), Senftenberg. Forschungs- schwerpunkte: Entwicklung und interdisziplinäre Analyse energie- und klimapolitischer Strategien und Instrumente mit besonderem Fokus auf erneuerbare Energien.

Autor: Steven Salecki

Geboren 1985 in Burg, Sachsen-Anhalt. Studium der Volks- wirtschafts- lehre mit Schwerpunkt Energiewirtschaft an der Universität Münster. Seit 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Forschungsschwerpunkte: Analyse von Elektrizitätsmärkten und regionalökonomischer Effekte der erneuerbaren Energien.