Stadt Land Energiefluss

Ein 10.000- Einwohner-Städtchen vollständig mit Strom aus Erneuerbaren Energien zu versorgen, ist heutzutage eine relativ leichte Übung. Aber wie sieht es mit einer Metropole wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt am Main aus? Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und Wilfried Bockholt (SPD), Bürgermeister der "Energie-Kommune" Niebüll, schildern ihre persönlichen Erfahrungen und diskutieren über das Verhältnis zwischen Stadt und Land. 

KOMM:MAG: Die Kleinstadt Niebüll hat mit einem Windpark etwas erreicht, was für eine Großstadt wie Frankfurt am Main zunächst mehr als ambitioniert klingt: die 100-prozentige Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien. Mit welchen Zielsetzungen gehen die Frankfurter die Energiewende an?

Petra Roth: Die Energiewende kann nur aus den Kommunen heraus gelingen. Und wir in Frankfurt haben uns vorgenommen, diesen Beweis auch für die großen Städte zu liefern. Ich bin fest davon überzeugt: Das schaffen wir.

Wilfried Bockholt: Ich habe mit Zielsetzungen immer so meine Probleme. Wenn gesagt wird: Wir wollen bis 2020 oder 2050 so und so viel Prozent erreichen, dann ist das erstmal nur ein Satz. Den meisten fehlt doch schon eine Vorstellung davon, was eine Tonne Kohlendioxid ist. Wichtiger ist, dass wir sofort anfangen zu handeln.

KOMM:MAG: Frau Roth, wie möchten Sie in Frankfurt Ihr Ziel erreichen?

Petra Roth: Großstädte sind auch Großverbraucher. Daher ist der effiziente Umgang mit den Ressourcen ein wichtiger erster Schritt. Mit vielen Aktionen wollen wir private Verbraucher und die Industrie zum Energiesparen motivieren. Aber auch das private Engagement beim Ausbau der Erneuerbaren Energien ist entscheidend. Hier leistet Frankfurt Aufklärungsarbeit.Die Energiewende beinhaltet ja nicht nur die Versorgung mit Strom, sondern auch mit Wärme.

Wilfried Bockholt: Energieeffizientes Bauen und erneuerbare Wärme gehören sehr eng zusammen. Um vielleicht doch ein Ziel zu formulieren: Der Wärmeverbrauch jedes neuen Gebäudes sollte gleich Null sein. Das ist zwar nicht möglich, gibt aber eine Orientierung, bei der man ansetzen sollte.

KOMM:MAG: Frau Roth, gehen Sie dieses äußerst ambitionierte Ziel auch in Frankfurt an?

Petra Roth: Wir haben uns verpflichtet, öffentliche Bauwerke grundsätzlich nur noch als Passivhäuser zu errichten. Zugleich nehmen wir uns die Altbausiedlungen vor. Gegenwärtig wird beispielsweise eine Siedlung aus den 60er Jahren energieeffizient umgebaut. Damit schaffen wir ein Modellquartier, an dem wir uns bei anderen Quartieren orientieren werden.

 

KOMM:MAG: Ambitionierte Ziele brauchen eine starke politische Unterstützung. Wie konnten Sie eine Mehrheit für Ihr Vorhaben gewinnen?

Petra Roth: In der schwarz-grünen Koalition gibt es beim Thema Erneuerbare Energien eine klare Mehrheit. Und bereits vor der Katastrophe von Fukushima haben wir uns in Frankfurt dem Thema Energiewende angenommen, also ehe es gesellschaftlicher und politischer Konsens wurde.

KOMM:MAG: Herr Bockholt, was war für Sie in Niebüll ein wichtiger Beweggrund, die Energiewende konkret anzugehen?


Wilfried Bockholt: In Schleswig-Holstein gibt es eine Karte, die verdeutlicht, wie weit das Wasser ins Land hineinreichen kann, wenn es über die Deiche schwappt. Und allein diese Karte fordert jeden Schleswig-Holsteiner auf, sein Möglichstes zu tun, um das Klima zu schützen und Kohlendioxid-Emissionen zu vermeiden.

KOMM:MAG: Welche Maßnahmen hat Niebüll im Bereich erneuerbare Wärme bereits umgesetzt?

Wilfried Bockholt: Wir setzen auf eine Kombination aus Biogasanlagen, Blockheizkraftwerken und Wärmeabnehmern in der Stadt. Wichtig dabei ist die Steuerbarkeit über die Bauleitplanung. So können wir darauf achten, dass es auch ein sinnvolles Wärmekonzept bei den stromgeführten Anlagen gibt. Mittlerweile sind vier Satelliten-Blockheizkraftwerke an die Biogasanlage angeschlossen, die öffentliche Gebäude wie Schulen, ein Krankenhaus und ein Schwimmbad versorgen.

KOMM:MAG: Ein solches Konzept ist in einem dicht besiedelten Raum wie Frankfurt doch eigentlich nur in der Zusammenarbeit mit dem Umland möglich.

Petra Roth:
In Frankfurt setzen wir zunächst bei der Gebäudesanierung an. Dort haben wir noch ein gewaltiges Potenzial. Wir fangen aber auch an, den Ballungsraum Rhein-Main-Gebiet als Ganzen zu fassen und etwa über Windenergieanlagen auf dem Land nachzudenken.

KOMM:MAG: Besteht da nicht die Gefahr, dass es bei den Menschen auf dem Land zu Unmut kommt nach dem Motto: „Jetzt müssen wir für die Städte die Anlagen erdulden!“?

Wilfried Bockholt: Nein. Es gibt bei uns einen sehr pragmatischen und eher unternehmerischen Umgang mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien. Die Windenergie bedeutet auch einen wirtschaftlichen Gewinn für die Standorte, die Kommunen und die Teilhaber. In Nordfriesland werden daher die meisten Windparks als Bürgerwindparks umgesetzt. Mit neuen und größeren Anlagen und dem notwendigen Netzausbau in Schleswig-Holstein steht uns aber auch eine Debatte über einen vernünftigen Ausgleich zwischen wirtschaftlichem Gewinn und Lebensqualität bevor. Da müssen wir sehr sensibel mit den Befindlichkeiten der Anwohner umgehen, um nicht die Akzeptanz generell zu verlieren.

KOMM:MAG: Seit wann ist diese Debatte um die Windenergie in Schleswig-Holstein wieder virulent?

Wilfried Bockholt:
Diese Diskussion wirkt manchmal wie eine Wiederholung der Debatten am Anfang der Windenergie. Man muss dabei aber auch verstehen: Unsere Region, also Nordfriesland, bekommt durch die Teilfortschreibung der Regionalpläne einen Zuwachs an Windeignungsfläche von, ganz grob, 60 Prozent. Und obwohl damit der Anteil an der Gesamtfläche immer noch bei wenigen Prozent liegt, ist die Flächenwirkung der Anlagen natürlich immens. Trotz dieser Debatte gilt aber: Die Region hat verstanden, dass sie mit ihren guten Windverhältnissen eine Verantwortung hat. Dennoch müssen die Menschen in den Regionen immer im Fokus bleiben. Die Beteiligung der Bürger an der Planung und auch am Gewinn ist absolut notwendig, um die Energiewende erfolgreich gestalten zu können.

KOMM:MAG:
Frau Roth, gibt es auch in Frankfurt Ansätze oder Projekte, bei denen die Bürger sich finanziell beteiligen können?

Petra Roth:
Wir bieten über unsere Stadtwerke Beteiligungen an Windenergieanlagen am Stadtrand an. Das Interesse daran ist sehr groß, denn die Menschen haben verstanden, dass Erneuerbare Energien eine lohnende Investition darstellen. Außerdem starten wir gerade einen großen Beteiligungsprozess für ein Modellquartier in zentraler Lage. Dabei wollen wir ein komplett energieeffizientes Quartier schaffen, also bis hin zum Carsharing mit E-Ladestationen und Abwassernutzung. Wir sind überzeugt davon, dass die Bürger bei diesem Projekt mitmachen werden. Und die großartige Resonanz gibt uns Recht. 

KOMM:MAG: Ohne die Kommunen keine Energiewende, so sagten Sie eingangs. Mit den Stadtwerken haben die Städte aber auch starke Unternehmen als Partner.

Petra Roth:
Unsere Stadtwerke sind Schrittmacher für Erneuerbare Energien. Die Energiewende durch die Kommunen ist das Ziel der Stadt Frankfurt. Das gilt im gleichen Maße natürlich auch für unsere Stadtwerke.

KOMM:MAG: Während den Städten Flächen fehlen, fehlt es auf dem Lande an Kapital und Infrastruktur. Gibt es da nicht Synergien?

Petra Roth: Am Stadtrand sind ja bereits Windenergieanlagen geplant und bestimmt kann man über weitere Anlagen auf dem Land nachdenken. Synergien zwischen ländlichem und städtischem Raum lassen sich aber auf jeden Fall darüber schaffen, dass wir bei der Energieversorgung auch kleinere Gemeinden eines Ballungsraums beteiligen.

KOMM:MAG: Können somit Stadt und Land vom Ausbau der Erneuerbaren Energien profitieren?

Wilfried Bockholt:
Landwirtschaftlich geprägte Region profitieren natürlich wirtschaftlich vom Ausbau der Erneuerbaren. Der Klimawandel kennt jedoch keine Grenzen und die energiepolitischen Entscheidungen kennen auch keine. Es geht darum, die Verantwortung, auch gegenüber den nachfolgenden Generationen, ernst zu nehmen. Die Diskussion über Abstände, Lautstärke und Lebensqualität sollte allerdings auf lokaler Ebene und mit angemessenem Pragmatismus erfolgen.

KOMM:MAG: Wie kann eine solche pragmatische Diskussion aussehen und wo können Sie als kommunaler Entscheider regulierend eingreifen?


Wilfried Bockholt:
Das Land Schleswig-Holstein gibt uns Mindestabstände bei Windenergieanlagen vor, die eingehalten werden müssen. Das sind bei Einzelhäusern 400 Meter und bei Siedlungen 800 Meter. Durch ein eigenes Bauleitplanungsrecht können wir als Stadt spezifischere Regelungen aufstellen. So haben wir das bei unserem Bürgerwindpark mit den Abständen zu Häusern gemacht.

KOMM:MAG: Wie gehen die Investoren mit diesen Regelungen um?

Wilfried Bockholt: Das gehört bei uns schon seit so lange mit dazu, dass das ganz normal ist. Bei uns sitzen Verwaltung, Politik, Bürger und Investoren gemeinsam an einem Tisch.

KOMM:MAG: Nordfriesland ist doch die Heimat der Bürgerwindparks, Anwohner und Investoren sind also oft identisch. Ist so ein Verfahren nicht besonders langwierig und verzögert den Ausbau unnötigerweise?

Wilfried Bockholt: Der zeitliche Druck entsteht eigentlich immer über die Frage: Wie lang ist welche Einspeisevergütung garantiert? Ein Bebauungsplan bringt mir natürlich nichts, wenn nicht der Landbesitzer, und das sind bei uns oft Landwirte, mitzieht. Die Landwirte wollen aber schon deshalb gerne einen Windpark auf ihrer Fläche haben, weil sie den Gewinn allein durch die Verpachtung der Flächen kennen. Problematisch wird es bei mehreren Landbesitzern, da es meist eher Zufall ist, bei wem die Mühle letzten Endes steht und wer daher die meiste Pacht erhält. Nach unserem Modell werden der Pachtraum und damit alle Beteiligten gleichermaßen berücksichtigt.

KOMM:MAG: Kann eine Kommune die Rahmenbedingungen im Vorfeld so setzen, dass sie den Prozess beschleunigen?

Wilfried Bockholt: Zunächst sollte eine Potenzial-Analyse aufzeigen, wo überhaupt Ausbaumöglichkeiten bestehen. Außerdem können Kommunen Bedingungen für den Ausbau beschließen. So muss bei uns ein Windpark als Bürgerwindpark umgesetzt werden und der einzelne Anteilsschein im Sinne einer möglichst großen Beteiligung auf 500 Euro limitiert sein.

KOMM:MAG: Können die Investoren auch verpflichtet werden, sich an städtebaulichen Maßnahmen zu beteiligen, etwa an der Instandsetzung historischer Gebäude oder der Infrastruktur?

Wilfried Bockholt: Man kann als Kommune natürlich nicht festlegen: Liebe Investorengruppe, wenn Ihr den Windpark bauen dürft, dann baut Ihr mir auch dieses oder jenes. Man kann aber jährliche freiwillige Spenden des Windparks im Pachtvertrag einpreisen.

KOMM:MAG: Wo sehen Sie derzeit die größten Hemmnisse beim weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien in Nordfriesland?

Wilfried Bockholt: Momentan ist die Weiterleitung des Stroms ein großes Problem. Und das wird mit den geplanten Offshore-Windparks noch weiter zunehmen. Hier brauchen wir bessere Rahmenbedingungen und eine bessere Infrastruktur.

KOMM:MAG: Frau Roth, wünschen Sie sich auch vom Land Hessen eine Verbesserung der Infrastruktur?


Petra Roth: Großstädte sorgen von jeher für ihre eigene Infrastruktur. Für die Energiewende brauchen wir aber auch einen gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr. In diesem Zusammenhang könnte das Land mehr machen – und nicht Mittel für den Verbund kürzen.

KOMM:MAG: Zum Abschluss noch eine Frage an Sie beide: Was sind ihrer Meinung nach die nächsten Schritte, um die Energiewende gemeinsam, mit Stadt und Land, zu bewältigen?


Petra Roth: In den Großstädten geht es primär darum, auf dem neuesten Stand der Technik zu bleiben und die Einsparmaßnahmen durch Sanierung so schnell wie möglich zu erreichen.

Wilfried Bockholt: Gerade die Versorgung von Städten wie Kiel oder Lübeck braucht einen verstärkten Netzausbau. Die Energiewende ist allerdings ein Prozess, der in Europa und auch mit Europa passiert. In einem europäischen Verbundnetz kennt der Strom keine Grenzen.

KOMM:MAG: Frau Roth, Herr Bockholt, wir danken Ihnen für das Gespräch

Autorin: Petra Roth

Für die Frankfurter Oberbürger- meisterin Petra Roth kann die Energiewende nur mit den Kommunen gelingen

Autor: Wilfried Bocholt

Der Niebüller Bürgermeister Wilfried Bockholt kennt viele Tipps und Tricks aus der Praxis

Frankfurt am Main- Green City

Beim Umbau der Energie- versorgung auf Erneuerbare Energien setzt Frankfurt auf Energieeffizienz, Zusammenarbeit mit der Region und auf dezentrale Blockheizkraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung. Dabei gilt die Devise: „Nicht auf Offshore-Wind aus dem Norden und auf Sonnen- strom aus der Wüste bauen, sondern bei sich hinter der Haustür beginnen“. Anstelle der Vielzahl alter Heizkessel sollen Gemeinschafts-Heizungen mit Fernwärme oder Hauskraftwerke errichtet werden, um damit Wohnblocks, Siedlungen und ganze Stadtteile mit erneuerbarer Wärme zu versorgen. Die großen und kleinen Kraft-Wärme-Werke bieten zugleich den Ausgleich für schwankenden Wind- und Solarstrom und könnten mit „Wind-Solar-Methan“ aus der Region gespeist werden.

Niebüll- Windenergie in Bürgerhand

Akzeptanz und Teilhabe schreiben die Niebüller ganz besonders groß. Bereits in der Bauleitplanung wurde festgelegt, dass ein Windpark nur als Bürgerwindpark realisiert werden darf und bei den Planungen sitzen die Kommune, die Investoren und sie Bürger gemeinsam an einem Tisch. Der Niebüller Anlagenpark ist mit Windenergie, Biogas und Sonnenenergie breit gefächert.